Kloster Frenswegen

Offenes Tor
Willkommen: In Frenswegen finden die Besucher Stille oder Begegnung - was sie auch suchen. Bild: Kirchenbote

Nur keine Eile. Langsam setzt Christa Olearius einen Fuß vor den anderen. Geht Schritt für Schritt auf den blank geputzten Sandsteinplatten durch das Labyrinth. Gut 170 Meter lang ist der verschlungene Weg. Umgeben von blühendem Lavendel, Salbei und sattgrünem Teppichthymian. Nach ein paar Minuten bleibt sie stehen, bückt sich zum Randstreifen hinüber und streift ein paar reife Erdbeeren ab. „Köstlich, ganz süß. Probieren Sie doch auch mal.“ Sie geht weiter und erreicht den Brunnen in der Mitte. Schaut hinein – und sieht sich selbst in einem goldenen Spiegel(bild). Am liebsten möchte sie ein Lied anstimmen: „Der Himmel geht über allen auf, auf alle über über allen auf.“

Menschen in einem Labyrinth
Schritt für Schritt: Das neue Labyrinth an der Begegnungsstätte Kloster Frenswegen zieht viele Gäste an. Bild: Kirchenbote

Das neue Labyrinth im Kloster Frenswegen – es ist einer der Lieblingsplätze von Christa Olearius. Die lutherische Pastorin arbeitet seit sieben Jahren als Moderatorin der ökumenischen Begegnungsstätte. Was das bedeutet? Sie estaltet mit ihrer katholischen Kollegin und ihrem reformierten Kollegen das Programm des Hauses: Andachten, Seminare, Auszeiten, Vorträge, Ausstellungen, Gebetswochen, Kindertage. „Ich geh’ ins Kloster“, sagen viele Nordhorner einfach. Aber die Gäste kommen nicht nur aus der Grafschaft Bentheim oder dem Emsland, sondern auch aus Westfalen und den Niederlanden. Die Theologin hat schon viele Besuchergruppen durch das Kloster geführt. Genau wie Hinnerk Schröder, der nach ihr in das Labyrinth geht. Nicht allein, die „Hildegardgruppe“ aus der St.-Joseph-Gemeinde in Lingen-Laxten folgt ihm auf dem Fuße. Mit einem kleinen Lächeln hört Christa Olearius zu, wie die Damen erst anfangen zu schwärmen und wie sie dann aufmerksam zuhören, als Schröder von der Geschichte erzählt.

Blick in den Kreuzgang
Einblick und Ausblick: Durch die Fenster im Kreuzgang schaut man in den schönen Innenhof. Bild: Kirchenbote

Sechs Kirchen arbeiten hier zusammen

Auch die Pastorin kennt sich damit aus. Und man spürt, wie gern sie davon erzählt – das Haus und seine Historie findet sie richtig spannend. Augustinerchorherren haben das Kloster 1394 gegründet. Sechs Jahre später schließen sich die Mönche der Devotio moderna (moderne Frömmigkeit) an, einer religiösen Erneuerungsbewegung. Weit über 100 Ordensleute leben zeitweise hier: unter wechselnden „Herren“, mit einigen An- und Umbauten. Bis 1803, da verlassen die letzten Chorherren Frenswegen. In den Jahrzehnten danach wohnen mal Kriegsgefangene, mal Zollbeamte, sogar Mitglieder der Hitlerjugend und nach dem Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge in den alten Mauern. Seit 1974 hat das Kloster wieder eine Aufgabe, die viel mehr seiner geistigen und spirituellen Bestimmung entspricht. Sechs Kirchen arbeiten hier ökumenisch zusammen: Katholiken und Lutheraner, Reformierte und Altreformierte, Baptisten und die Herrnhuter Brüdergemeine. „Das gibt es so sonst nirgendwo“, meint Christa Olearius. Das Logo spiegelt die Zusammensetzung wider: ein Sechseck, das wie ein Tisch aussieht. Sogar das Treppenhaus im Kloster zeichnet dieses Symbol nach.

Kreuz mit einem gebrochenen KörperDie bewegte Geschichte – man kann sie (er)spüren in Frenswegen. Und die Atmosphäre ist eine ganz besondere. Im Kreuzgang wirft die Sonne Schatten-bilder auf die rauen Sandsteinfliesen, abends stehen hier manchmal Kerzen auf den Fensterbänken und tauchen den Raum in sanftes Licht. Wenn Christa Olearius von dort über die leise knarrende Holztreppe nach oben zu den Gästezimmern geht, stellt sie sich gern vor, wie früher die Mönche gelebt und gearbeitet haben. Und im mächtigen Kellergewölbe würde es niemand wundern, wenn gleich ein Chorherr um die Ecke biegt.

aufgeschlagenes Buch auf einem Stein
Blick ins Grüne: Im Chrorraum der Kapelle liegt die Bibel aus. Wer mag, kann hier wunderbar meditieren. Bild: Kirchenbote

Mehr zum Kloster

Die Stiftung Kloster Frenswegen ist eine ökumenische Begegnungsstätte. Sechs Kirchen arbeiten in dem ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift zusammen unter einem Dach: Reformierte und Lutheraner, Baptisten und Katholiken, Herrenhuter und Altreformierte. Die Kapelle des Klosters ist geöffnet montags bis samstags von 8 bis 16 Uhr, außerdem auf Anfrage. Jeden Freitag- und Samstagabend findet um 18 Uhr ein ökumenisches Abendgebet statt.

Eine kleine Auszeit

Heute gibt es hier keine Ordensleute mehr, auch eine Wallfahrt führt nicht nach Frenswegen. Ist es trotzdem ein Pilgerort? Ja, sagt die evangelische Pastorin entschieden und setzt sich bei der Antwort auf ihren nächsten Lieblingsplatz im Kloster – die Bank direkt am Brunnen in dem wunderschönen Innenhof. „Weil das ein Ort ist, wo man Glauben neu leben und lernen kann. Weil das Haus die Geschichte und den Geist der Begegnung atmet.“ Sie lässt ihre Worte einen Moment nachwirken, schaut sich um und erzählt, was hier alles stattfindet: geistliche Konzerte, das Fest der Kulturen, der leuchtende Advent, Theater. Wer weniger Trubel und mehr Stille sucht, kann aber auch einfach so kommen, sich in den Innenhof setzen und die Aussicht genießen. Eine kleine Auszeit im Alltag.

Die nimmt sich Christa Olearius immer wieder in der Klosterkapelle. Anfangs wegen ihrer modernen Form durchaus umstritten, hat sie heute viele Fans. Auch die Pastorin zählt sich dazu. Sie mag den Kontrast zwischen alt und neu – „so setzt sich doch auch unser Glaube zusammen“. Sie mag die Weite, den gebrochenen Korpus an der Wand, den Blick nach draußen in die Natur und auf die Reste des alten Fundaments. Hier gibt es viel Licht und Luft – zum Atmen, zum Denken und zum Beten. Im Chorraum liegt die Bibel aus, heute ist der Psalm 48 aufgeschlagen: „Die Stadt der großen Könige“. Am liebsten ist Christa Olearius frühmorgens hier. Fährt von zu Hause mit dem Fahrrad los. Ist in ein paar Minuten in Frenswegen und setzt sich in die Kapelle auf ein Meditationsbänkchen. Wird ruhig und sieht zu, wie die Sonne hinter den Eichen aufgeht. In Gedanken daran muss sie plötzlich schmunzeln. „Wissen Sie, wie der Pfad heißt, auf dem ich zum Kloster fahre? Paradiesweg – wirklich!“ Das passt doch.