Autobahnkapelle Groß Hesepe

Autobahnkapelle Groß-Hesepe
Bild: Kirchenbote

Unterwegs auf der A 31. Ein Gewitter zieht auf, die ersten Regentropfen platschen auf die Windschutzscheibe. Jetzt eine Pause machen und den Schauer abwarten? Sicher. Also runter vom Gaspedal und rechts abbiegen auf den Rastplatz Heseper Moor. Ein paar Schritte sind es nur bis zur Autobahnkapelle. Gemütlich sieht die kleine Kirche aus: mit rotem Dach und roten Klinkern, mit einem bescheidenen Glockenturm und einer Eingangstür aus dunkler Mooreiche.

Autobahnkapelle Groß Hesepe (Bild: kirchebote.de)
Fast jeden Tag kommt Heiner Schwering in die Autobahnkapelle, schaut, ob alles in Ordnung ist und nimmt sich Zeit für ein stilles Gebet. Bild: Kirchenbote

Heute morgen steht die Tür weit offen, eine Gruppe aus Ostfriesland feiert eine Andacht in der Kapelle. „Segne und behüte uns durch deine Güte“ singen die gut 40 Männer und Frauen aus dem lutherischen Kirchenkreis Leer. Auf ihrer Fahrt nach Antwerpen haben sie Halt gemacht. Wollen sich besinnen und für eine gute Ankunft beten. „Kommen Sie herein, wir haben noch Platz“, sagt eine der Damen. Und alle rücken ein bisschen enger zusammen, fühlen sich nicht nur vor dem Regen draußen gut beschützt.

Dann wird es still in der Kapelle

Das gilt auch für Heiner Schwering, aber eigentlich ist der 78-jährige Heseper kein typischer Gast. Er kennt die Kapelle wie kein Zweiter im Dorf, wohnt nur einige hundert Meter entfernt. Jeden Tag schaut der gelernte Schlosser, ob hier alles in Ordnung ist. Er bringt frische Blumen für den Altar, wechselt die Kerzen aus, sorgt für neue Flyer im Schriftenstand. 15 Hese­per und Dalumer helfen ihm abwechselnd dabei. Heute stellt er rasch noch ein paar Hocker für die Ostfriesen hin. Gern beantwortet Schwering später ihre Fragen, bevor die Gruppe weiterfährt in Richtung Belgien. Er muss dafür in kein Buch und keine Mappe gucken. Schließlich leitet er seit 13 Jahren den Förderverein, der mit der katholischen Pfarreiengemeinschaft Geeste und der evangelischen Gemeinde in Dalum die Kapelle trägt.

Nachdem der Bus aus Leer fort ist, wird es still. Aber meistens bleibt Heiner Schwering nicht lange alleine hier. Gerade zu Ferienbeginn kommen alle paar Minuten Gäste herein. Zunächst zögernd schauen sie sich um, setzen sich dann auf die rustikalen Hocker, blättern auf dem kreisrunden Altar in der Bibel, zünden vor der Ikone eine Kerze an, staunen über die Fenster. Mit ihrem warmen Goldgelb und feurigem Blutrot tauchen sie den Innenraum selbst an trüben Tagen wie heute in ein sanftes Licht. Dominikus Witte hat sie geschaffen.

Evangelium im Fenster der Autobahnkapelle Groß Hesepe (Bild: kirchenbote.de)
Evangelium im Fenster der Autobahnkapelle: Hier geht es um die Schriftstelle „Ich bin die Auferstehung und das Leben“. Bild: Kirchenbote

Zur Ruhe kommen und auftanken

Der Künstler erzählt mit den Fenstern in sparsamen Zeichen von den Emmausjüngern und aus dem Johannesevangelium. Eine Stelle daraus gibt der Kapelle ihren Namen: „Jesus, Brot des Lebens.“
Das beeindruckt den nächsten Gast sichtlich: ein Mann, unterwegs von Friesoythe nach Köln. Wie die jährlich über 50 000 Besucher will er in der Kapelle Pause von der Autobahn machen, will auf seiner Dienstfahrt für einige Minuten „auftanken“, zur Ruhe kommen und ein stilles Gebet sprechen. Schwering kann das gut verstehen. Auch er kommt nicht nur zum Arbeiten, auch er kann hier seinen Gedanken nachgehen, beten und seine Nöte dalassen. Gerade jetzt, wo ihm eine Krankheit zu schaffen macht.

Hinkommen

Die im Jahr 2000 eingeweihte Autobahnkapelle „Jesus, Brot des Lebens“ liegt an der A 31 Emden-Bottrop und ist nur in Fahrtrichtung Oberhausen zu erreichen – zwischen den Abfahrten Twist und Geeste. Sie wird auf separaten Schildern 500 Meter vorher angekündigt. Die kleine Kirche ist Tag und Nacht geöffnet. Fußgänger und Radfahrer können die Kapelle von Groß Hesepe aus direkt ansteuern. Regelmäßige Andachten und Gottesdienste werden nicht angeboten, können aber jeder Zeit auch unangemeldet gefeiert werden. Die Kapelle bietet etwa 60 Besuchern Platz.

25 solcher Anliegenbücher gibt es schon. Fast scheut man sich, die Seiten durchzublättern – so persönlich sind viele Eintragungen. Die meisten danken für den schönen Urlaub auf Ameland oder Borkum, bitten Gott um eine gute Heimkehr, loben die Kapelle: „Ein schöner Ort, der Geborgenheit schenkt.“ Andere laden ihre Sorgen ab: um den kranken Vater, die kriselnde Ehe, den unsicheren Job – suchen Trost, finden Kraft in einem Gebet. Oder sie schreien ihre Wut heraus. „Warum hast du das zugelassen, Gott?“ Mehrfach im Jahr werden in der benachbarten Groß Heseper St.-Nikolaus-Kirche im Hochamt am Sonntag Abschnitte aus den Büchern vorgelesen. „Dann wird es mucksmäuschenstill in der Kirche“, sagt Heiner Schwering.

Er schaut auf. Jetzt tritt eine Frau herein. Zum ersten Mal sieht sie die kleine Kirche und ist begeistert: „Traumhaft! Diese Farben!“ Schnell kommt sie ins Gespräch mit Schwering. Sie hat Ferien auf Norderney gemacht und fährt zurück nach Oberhausen, erzählt von ihrem Beruf und von ihrer Heimatkirche. Interessiert hört sie zu, als er vom Emsland berichtet. Fast 15 Minuten bleibt sie in der Kapelle, steckt still noch eine Kerze an – eine gute Pause. Draußen ist das Gewitter vorbeigezogen, der Regen lässt nach. Die Fahrt kann weitergehen.