Wallfahrtsort Lage

Dsa leidende Kreuz
Das leidende Kreuz zieht seit Jahrhunderten Pilger an. Nach mehreren Ortswechseln innerhalb der Wallfahrts-kirche befindet es sich nun in der 2001 eigenes gebauten „Kapelle des Lichts“. Bild: Kirchenbote

Als Pastor Alfons Thörner die Wallfahrtskirche betritt, kommt ihm eine Gruppe lebhafter kleiner Kinder entgegen. Ein Kinderdorf aus Rumänien besucht Lage-Rieste. Während eines kurzen Gesprächs zwischen Thörner und dem Geistlichen aus Osteuropa laufen die Kinder ins Grüne. In der Kirche sitzt nur noch eine ältere Dame, versunken im stillen Gebet.

Die spätgotische Wallfahrtskirche St. Johannes der Täufer liegt unweit des Alfsees auf einem großen Gelände inmitten von Feldern. Der Hof ist ein Zentrum christlichen Lebens. Acht Dominikanerinnen und ihr Hausgeistlicher, der Kreuzbruder Pater Bernhard, leben in einem Kloster neben der Kirche. Gegenüber dem Pfarrhaus blüht ein Rosenkranzgarten, der sorgsam von Ehrenamtlichen aus der Gemeinde gepflegt wird. Im angrenzenden Pfarrheim treffen sich Katholiken aus der Pfarreiengemeinschaft Hasegrund. In dem Fachwerkhaus daneben, der Alten Küsterei, führt eine Familie eine Gaststätte für die zahlreichen Pilger.

Das „Wunderbringende Kreuz“

sterbender Jesus
Ein crucifixus dolorosus ist ein leidendes Kreuz. Es stellt den sterbenden Jesus dar, bevor er aufersteht. Bild: Kirchenbote

Über das ganze Jahr verteilt kommen Christen an diesen Ort, um das Lager Kreuz, auch bekannt als das „Wunderbringende Kreuz“, zu berühren oder zu tragen. Dieser Brauch ist inzwischen 700 Jahre alt und geht auf zwei Johanniter zurück, die im Ordenskonvent in Lage lebten. Ritter Rudolf und der Priester Johannes empfingen der Legende nach im Jahr 1300 eine Vision Jesu am Kreuzberg, in der sie beauftragt wurden, ein Kreuz zu errichten: „und alle, welche sich in Bedrängnis befinden, sollen hier Gnade finden“. Bei dem Kreuz handelt es sich um ein crucifixus dolorosus, ein Leidenskreuz, an dem Jesus noch nicht auferstanden ist.

Alfons Thörner ist ein schlanker Mann Anfang 60, mit lichter Stirn, kurzen grauen Haaren und einem gewinnenden Lächeln. Er ist der Wallfahrtsrektor von Lage. Jeden Morgen öffnet er gegen 6 Uhr die Tore zur Kirche. Manchmal mache das aber auch der Küster. Nach 25 Jahren als Pfarrer unter anderem in Westerloh, Lingen und Papenburg wünschte Thörner sich eine neue Aufgabe. Jeden Tag räumt er die Kirche auf und zündet Kerzen an für die Menschen, die kommen, hört ihnen zu, lässt sie klagen, beten oder schweigen.

„Viele Pilger kommen morgens vor der Arbeit mit dem Firmenwagen oder im Blaumann, um am Kreuz zu verweilen“, sagt Thörner. Einige Gruppen kommen auch spontan, wenn jemand aus der Familie krank wird, weil es einen Unfall gab, oder wenn ein Angehöriger stirbt. Es kommen Firmlinge, Senioren und auch evangelische Urlauber vom Alfsee. Es kommen „Leute, die die Attentate in Frankreich miterlebt haben, Vereine, Verbände, Betriebe oder ganze Abteilungen von Firmen“, sagt Thörner nachdenklich.

Ein ungebrochener Brauch

Kirchendecke
Die spätgotische Wallfahrtskirche St. Johannes der Täufer enthält viele barocke Elemente im Innern. Bild: Kirchenbote

Als er vor zwei Jahren nach Lage kam und dem Treiben erst einmal zusah und die Pilger beobachtete, sei er überrascht gewesen: „Man wundert sich, wie schnell sich der Raum füllt. Es kommen auch extrem viele junge Leute, interessierte und sehr offene Menschen.“ Beeindruckt von dem ungebrochenen Brauch der Wallfahrer, jeden Freitagabend das Kreuz um die Kirche zu tragen, entschloss Thörner sich, den Abend weiter aufzuwerten: „Der Freitag ist als Todestag Jesu mit dem Kreuz besonders verbunden.“ Daher gibt es inzwischen jede Woche eine Eucharistiefeier anstatt ein Mal im Monat. In der Predigt werden aktuelle Themen aufgegriffen: „Flucht, Terror, Angst, Leiderfahrungen und die persönlichen Anliegen, die jeder mitgebracht hat.“ Neu ist auch die Möglichkeit, nach der heiligen Messe bei Orgelmusik und Gesang in der Kirche zu verweilen. Es gibt die Möglichkeit zur Aussprache, zur Beichte, zur Versöhnung. Die Leute sollen einen Ort haben zum Weinen und zum Schreien. „So ein Sakrament kann man nicht einfach abwickeln“, sagt Thörner, deswegen nehme man sich viel Zeit für diesen „alternativen Wochenausklang“. „Der Freitagabend ist für mich so intensiv wie ein Sonntag.“

 

Priorin Maria Magdalena
Priorin Maria Magdalena von den Dominikanerinnen kümmert sich auf um einzelne Pilger. Bild: Kirchenbote

Die Theologin und Historikerin Carina Holz kennt Alfons Thörner durch ihre Arbeit. Oft war die junge Frau mit den kurzen blonden Wuschelhaaren im Pfarrhaus zu Besuch auf ein Gespräch. Sie schreibt ein Buch über den Pilgerort. „Warum kommen ungebrochen Leute hierher?“, fragt Holz in ihrer Arbeit und wollte in einem Fragebogen vorab von den Pilgern wissen, wer sie sind und weshalb sie nach Lage kommen. Das „Wunderbringende Kreuz“ zog im Jubiläumsjahr 2015 neben den Einzelpilgern und Familien mehr als 50 Gruppen mit 25 bis 70 Personen an.

Freitags bis zu 300 Pilger

Im laufenden Jahr sind es bereits zwölf Gruppen mehr, Tendenz steigend. Freitags kommen bis zu 300 Pilger. Alle wollen das 140 Kilogramm schwere, 2001 umfassend renovierte Kreuz, sehen oder tragen. „Es war eine sehr emotionale Sache, die Fragebögen auszuwerten“, sagt Holz. Aber sie geben wertvolle Einblicke in die Wünsche der Pilger. Es fällt auf, dass „nicht nur Gebrechliche und Alte“ kommen, sagt die Theologin. „Das Kreuz scheint jeden anzusprechen.“ Viele kommen aus Tradition, aber vor allem, um für Genesung oder das Seelenheil zu beten, oder um für jemanden das Kreuz zu tragen. Sie kommen auch, um Danke zu sagen nach einer überstandenen Krankheit. Die Leute schätzen die Atmosphäre des stillen Ortes und die Natur. Viele kommen regelmäßig nach Lage, „eine Frau ist offenbar Krankenschwester und legt jeden Freitag im Fürbittbuch ihr Leid ab“, sagt Holz.

Ersatzkreuz
Das schlichte Ersatzkreuz wird bei Regen verwendet. In der „Kapelle des Lichts“ liegt auch das Fürbittbuch. Bild: Kirchenbote

„Man weiß, dass man hier unter Gleichgesinnten ist“, sagt Holz und erklärt: „Man kann dieses Kreuz nicht alleine tragen, dafür braucht man viele Mit-Leidende.“ Dabei gehe es nicht immer darum, dass Gebete in Erfüllung gehen. Die Leute sagen im Gebet nicht: „Jetzt habe ich schon eine Kerze für dich angezündet und dich getragen, also jetzt mach!“ Wichtiger sei, dass es in irgendeiner Weise weitergehe, dass man Mut schöpfen und Kraft tanken könne. „Das dient auch als Ablenkung“, sagt Holz, „Man kann nicht tatenlos bleiben, wenn ein siebenjähriges Mädchen Leukämie bekommt.“ Pastor Thörner ergänzt: „Die Menschen wollen was tun: Es gibt Leute, die kein Gebet aussprechen, aber das Kreuz tragen. Das ist ihr Gebet.“ „Das Leben ist kein Ponyhof und kein Spaziergang“, sagt Holz. „Das Kreuz erinnert mich daran: Es gibt Leid, aber es kann überwunden werden.“ Warum kommen die Menschen für diese Erfahrung nach Lage, anstatt sich das große Triumphkreuz im Osnabrücker Dom anzusehen? „Das Kreuz im Dom leidet ja nicht“, sagt Holz, „hier sehen die Menschen: ‚Jesus leidet auch, so wie ich im Moment.‘ Heutzutage dürfen Menschen ja nicht mehr leiden. Man muss immer Höchstleistung bringen, über Burnout darf nicht gesprochen werden. Dabei trägt jeder Mensch sein Kreuz im Leben.“