Ein letztes Zuhause

Kaffeetasse, Brille auf Tisch
Bild: pixabay.com / ponce_photography Public Domain

Wer heute in ein Heim zieht, ist deutlich älter und pflegebedürftiger als früher. Längst bewegt sich die Altenpflege im Hospiz- und Palliativbereich, ist aber selten darauf eingestellt. Die Bremer Einrichtung St. Franziskus hat das Problem erkannt und ein Konzept zur Sterbebegleitung entwickelt.

Eine Giraffe aus dem Zoo in Rotterdam beugt sich über ihren todkranken Pfleger und stupst ihm sanft ins Gesicht. Dieses Foto ging um die Welt. Es war der letzte Wunsch des Tierpflegers, sich von seinen Lieblingstieren, den Giraffen, zu verabschieden. Auch Annette Schwiebert sorgt dafür, dass Sterbende sich letzte Wünsche erfüllen können: ein Glas Wein oder das Haustier am Bett. Und wenn jemand zum Beispiel einen Elefanten sehen möchte? „Dann werde ich auch das möglich machen und einen Transport zum nächstgelegenen Zoo organisieren“, sagt die Heimleiterin von St. Franziskus im Caritas-Zentrum Bremen. Und das meint sie ganz ernst.

Annette Schwiebert leitet das Haus St. Franziskus
Annette Schwiebert leitet das Haus St. Franziskus Bild: Kirchenbote

Abschiednehmen – das gehörte schon immer zum Alltag in Pflegeeinrichtungen. Doch noch nie war die Situation so dramatisch: Die Bewohner wechseln häufiger als früher, es gibt mehr Todesfälle. Im Haus St. Franziskus in Bremen mit seinem Angebot an Kurzzeit- und Langzeitpflegeplätzen starben im vergangenen Jahr 65 Menschen. Das ist im Durchschnitt ein Bewohner pro Woche. Manchmal sind es mehrere.
Durch gute ambulante Pflege können alte Menschen immer länger zu Hause wohnen. Sie ziehen oft erst in ein Heim, wenn sie schwer krank und deutlich pflegebedürftig sind – in dem Wissen, dass das Heim ihr letztes Zuhause sein wird. Annette Schwiebert stellt fest, dass „einige nur noch zum Sterben zu uns kommen“. Das ist besonders belastend für die Pflegefachkräfte. Sie müssen durch häufige Aufnahmen und Entlassungen viel organisieren und werden mit den Ängsten und Unsicherheiten sterbender Bewohner sowie mit ratsuchenden und überforderten Angehörigen konfrontiert. Wenn Patienten mit einer tödlichen Krebsdiagnose vom Krankenhaus in die Kurzzeitpflege wechseln, gilt es außerdem, Symptome wie starke Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall zu behandeln.

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Im „Buch des Lebens“, das offen ausliegt, erinnert das Team von St. Franziskus an verstorbene Heimbewohner Bild: Kirchenbote

Lebensqualität bis zum Schluss

Viele Pflegeheime bewegen sich längst im Hospiz- und Palliativbereich, sind aber selten darauf eingestellt – auch, weil die Gelder aus den Pflege- und Krankenkassen sowie öffentlichen Haushalten knapp sind. Heimleiterin Schwiebert und ihr Team wollen das nicht hinnehmen und haben ein Sterbebegleitungskonzept entwickelt. Drei Mitarbeiter wurden zu Palliative-Care-Fachkräften ausgebildet, und es bestehen enge Kontakte zu Seelsorgern, Hausärzten und zum ambulanten Palliativdienst Bremen. Darüber hinaus nehmen die Mitarbeiter – von der Altenpflegerin über die Hauswirtschafterin bis zum Hausmeister – an Hospizhelferkursen teil. Vor dem Sterben, sagt Annette Schwiebert, könne man nicht davonlaufen. Der Gedanke „Lebensqualität bis zum Schluss“ solle von allen im Haus mitgetragen werden.

Und so geben sie ihr Bestes, um Menschen auf ihre letzte Reise vorzubereiten, um ihnen ein Leben ohne Beschwerden und in Würde zu ermöglichen. Dazu gehören beispielsweise Massagen mit Duftöl, beruhigende Worte, die Krankensalbung oder das Lieblingsessen – selbst wenn der Appetit längst nachgelassen hat – und eben letzte Wünsche. Stirbt ein Bewohner, können sich Angehörige, Nachbarn und Freunde verabschieden. Das Zimmer wird schön hergerichet, eine Kerze angezündet und ein Trauerflor an die Tür gehängt.


Ideal wäre es, wenn sich die drei Palliativkräfte ausschließlich um Sterbende kümmern könnten, sagt Schwiebert. Denn eigentlich sei gar nicht die Zeit da, am Bett eines Sterbenden zu sitzen. Wirtschaftliches Denken einerseits, abschiedlich gestaltetes Leben andererseits – dieser Spagat sei schwierig, gibt die Heimleiterin zu. Im Notfall springt sie selbst ein. Wie bei einem 70 Jahre alten Mann, der drei Tage nach seiner goldenen Hochzeit erfahren hat, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Seine Ehefrau wollte ihn in der Kurzzeitpflege auch nachts unter keinen Umständen allein lassen. Also setzte sich Annette Schwiebert bis 22 Uhr ans Bett des Sterbenden und organisierte danach eine Nachtwache.
Vor Sterbebegleitung, sagt sie, müsse niemand Angst haben. „Sie brauchen nur ruhig am Bett zu sitzen, den Takt gibt der Sterbende vor.“ Ein Röcheln zum Beispiel ist normal, denn kurz vor dem Tod verändert sich die Atmung. Es bildet sich ein Lungenödem, weil das Herz schwächer wird. Eine schöne Geste ist, die Hand des Sterbenden zu halten. Die meisten umfassen sie mit beiden Händen. Annette Schwiebert hat einen anderen Vorschlag: „Legen Sie Ihre Hand ganz locker unter die Hand des anderen. Damit signalisieren Sie: Ich bin da, aber halte dich nicht fest. Du kannst jetzt loslassen und gehen.