Exnovation schafft Freiraum

Hand lässt Luftballons los
Bild: AdobeStock.com, Mihas

Immer mehr, immer länger, immer schneller – nicht mehr zu schaffen. Diese Worte beschreiben ein Gefühl, das viele Menschen mit Blick auf Ihre Arbeit empfinden. Ein Mittel dagegen: Exnovation. Heike Frerker ist Referentin im Fachbereich Organisationsentwicklung und Gemeindeberatung im Bischöflichen Seelsorgeamt. Im Interview spricht sie über einen Begriff, der nicht neu ist, im Bistum Osnabrück aber angesichts anstehender Veränderungsprozesse eine neue Bedeutung gewinnt.

Bei den anstehenden Veränderungsprozessen im Bistum Osnabrück ist viel von Innovation die Rede. Jetzt kommt auch das Wort Exnovation ins Spiel. Ist das ein neuer Begriff?

Die älteste Definition dieses Wortes stammt vom Organisationsforscher John R. Kimberly aus dem Jahr 1981. Er forschte im Krankenhausumfeld und machte folgende Beobachtung: Wenn neue medizinische Geräte angeschafft wurden, wurden die alten nicht entsorgt, sondern nur auf den Flur gestellt. Man wollte sie nicht wegwerfen, weil sie doch gute Dienste geleistet hatten oder man vielleicht noch mal ein Ersatzteil benötigen könnte. Exnovation fand hier also nicht statt …

Heike Frerker
Heike Frerker

Was ist genau mit Exnovation gemeint?

Exnovation bedeutet, dass man bewusst Dinge beendet, die in einem System oder in der Organisation mal eine Funktion und Wirksamkeit hatten. Manchmal läuft sich etwas tot – das ist dann keine Exnovation. Exnovation ist es, wenn nicht alles, was wir tun, parallel laufen kann und wir uns deshalb dafür entscheiden müssen, Dinge zu beenden.

Im Bistum Osnabrück wird sich vieles verändern. Die Gemeinden werden kleiner, das Seelsorgepersonal wird weniger. Nicht jedes Angebot von heute wird es morgen noch geben. Warum spielt Exnovation dabei eine Rolle?

In unserer Beraterfunktion merken wir, dass die pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genau wie die Ehrenamtlichen sehr in dieser Verstetigung von Angeboten gebunden sind, fast möchte ich sagen: gefangen. Viele sind erschöpft, sind innerlich frustriert, weil sie merken, es bleibt zu wenig zeitliche und personelle Ressource. Aber der innere Druck und diese Verpflichtung, die man spürt, diese Dinge nicht lassen zu können, sorgen dann oft für eine Überlastung. Deswegen ist es wichtig, Exnovation immer als Schleife mitzudenken. Wenn ich etwas weglasse, entsteht ja Freiraum, um Innovatives voranzubringen!

Um Exnovation zu betreiben, muss ich also Wichtiges vom Unwichtigen unterscheiden. Wie gehen Sie so etwas an?

Das Wichtigste ist sicherlich, in der Verständigung miteinander zu überlegen, warum und wozu wir eigentlich da sind. Was ist unser Auftrag? Warum bin ich mit meiner Motivation, mit meinem Glauben dabei? Aber auch: Wozu sind wir denn Kirche in dieser Gesellschaft, in dieser Welt? Das kann nicht einer allein beantworten, das muss man miteinander aushandeln.

Ist das die Kernaufgabe?

Weitere Infos

  • Eine Fortbildung zum Thema Exnovation findet vom 19. bis 20. Januar 2026 unter dem Titel „Freifliegen statt Autopilot“ im Kloster Frenswegen statt. Detaillierte Information und die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es hier im Flyer und auf der Internetseite der Bildungsstätte.
  • Außerdem startet im Anfang 2026 ein ökumenisches Innovationstraining mit dem Titel „anders machen“ – für Suchende, Frustrierte und Begeisterte. Weitere Infos dazu gibt es hier.
  • Kontakt für Workshop-Anfragen zum Thema Exnovation: Anja Breer, a.breer@bistum-os.de bzw. 0541 318-259 und 0171 9738923
  • Ein Interview mit vielen weiteren Infos zum Thema Innovation finden Sie hier.

Ja, das muss man in einem Exnovationsprozess leisten. Dafür muss man sich Zeit nehmen, denn das bildet die Schablone, mit der wir dann konkret Angebote in den Blick nehmen. Wenn wir beispielsweise als Markenkern herausarbeiten: „Wir wollen das Evangelium in dieser Welt sichtbar machen und nahe bei den Menschen sein“, können wir anschließend schauen, wie nah wir mit unseren bestehenden Angeboten an diesen Markenkern herankommen. Wir sagen aber nicht von vornherein: Dieses Angebot für Senioren oder jenes für Jugendliche brauchen wir nicht mehr. Es geht immer um ein Aushandeln. Exnovation kann man nicht auf dem Papier machen, sie ist ein Prozess, der nicht ohne Kommunikation auskommt.

Wenn man etwas weglässt, könnte das doch auch Zufriedenheit geben, weil Raum für Neues entstanden ist …

Auf jeden Fall, das ist der Sinn und die Motivation für Exnovation! Aber der Schritt ist oft auch mit Abschiedsschmerz verbunden und sorgt für eine Entscheidungslast. Entscheiden zu müssen bedeutet immer, dass ich auch etwas falsch machen könnte, es können Schuldgefühle entstehen. Deshalb kann man sagen, dass Exnovation keinen Spaß macht. Andererseits: In vielen Fragen muss entschieden werden und wenn wir es nicht selbst tun, wird uns die Entscheidung aufgedrängt.

Das klingt alles belastend. Gibt es auch einen positiven Aspekt?

Ja, wenn man in diesem Prozess nicht nur von Loslassen und Abschied nehmen spricht, sondern auch von Freiraum schaffen, dann ist das etwas, nach dem viele eine Sehnsucht haben, denn sie können auch eine Last ablegen. Wir dürfen aber nicht suggerieren, Exnovation würde plötzlich zu einem Kinderspiel, wenn wir nur den richtigen Kniff raushaben.

Haben Sie selbst schon mal eine Erfahrung mit Exnovation gemacht?

Als Gemeindereferentin war ich für die Erstkommunionvorbereitung zuständig. Es war klar, dass ich das mit meinem Stellenumfang nicht genauso machen konnte wie meine Vorgängerin. Ich musste gucken, mit welchem „Markenkern“ ich eigentlich unterwegs bin. Als ich klar hatte, welche wesentlichen Erfahrungen ich mir für die Kinder wünsche, konnte ich ohne inneren Stress auch vertraute Formen sein lassen.

Kann man Exnovation lernen?

Man kann es auf jeden Fall lernen oder sich dabei begleiten lassen, das bieten wir ja von unserem Fachbereich aus an.

Artikelhinweis Kirchenbote

Es ist besser, wenn du nichts gelobst, als wenn du etwas gelobst und nicht erfüllst.

Prediger 5,4
Fingerschwur, Hände