Organspende – ja oder nein? Die Entscheidung zählt!

eine Hand übergibt ein Herz an eine andere Hand
Bild: AdobeStock.com, paulynn

Es ist ein sehr persönliches Thema und dennoch eins, das Auswirkungen auf viele andere Menschen hat: die Entscheidung für oder gegen eine Bereitschaft zur Organspende. Gerade wird auf politischer Ebene wieder über eine Reform der Zustimmungsregelung diskutiert – und was sagt die Kirche dazu? Antworten auf Fragen zum Thema beantwortet hier aus christlicher Sicht Martin Splett, der Vorsitzende der AG Bioethik im Bistum Osnabrück.

Herr Splett, haben Sie einen Organspendeausweis?

Ja, den habe ich und auf dem habe ich auch angekreuzt, dass ich zum Spenden bereit bin. Davor hab ich mit meiner Familie darüber gesprochen. Um sie in der Schocksituation eines Unglücksfalls zu entlasten, hilft es, vorab geklärt und auch dokumentiert zu haben, was ich will oder wer entscheidet, wenn ich das nicht mehr kann. Dazu ist neben dem Organspendeausweis auch eine Patientenverfügung sehr hilfreich, aber wichtig ist erstmal, dass meine Angehörigen über meine Wünsche Bescheid wissen und Handlungssicherheit haben.

Man sollte sich also auf jeden Fall mit dem Thema beschäftigen – und eine Entscheidung treffen?

Da bin ich sehr dafür, zumal man ja seine Meinung auch wieder ändern kann. Es gibt in Deutschland über 8000 Menschen, die auf ein neues Organ warten und deswegen ist es für mich durchaus eine Solidaritätsfrage, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Zwar sehe ich trotz des großen Bedarfs an Organen keine Pflicht zum Spenden, aber dass man sich mit dem Thema auseinandersetzt und sich positioniert, das darf man eigentlich schon von jedem erwarten angesichts der Not von Menschen, die zum Überleben auf eine Organspende angewiesen sind. Und vielleicht brauche ich selbst einmal so ein Organ, wer weiß …

Sie sind Mitglied in der Bioethik-AG des Bistums Osnabrück – werden dort auch Fragen zum Thema Organspende diskutiert?

AG Bioethik

Die diözesane AG Bioethik ist eine Arbeitsgemeinschaft im Bistum Osnabrück, die sich mit aktuellen bioethischen Fragestellungen aus christlich-ethischer Perspektive beschäftigt. Sie berät die Bistumsleitung und andere kirchliche Institutionen und möchte zur Sensibilisierung für ethische Fragen an den Grenzen des Lebens (wie z.B. bei Schwangerschaftsabbrüchen oder Sterbehilfe) beitragen.

Kontakt

Martin Splett

Martin Splett
Referent für diakonische Pastoral
Domhof 12
49074 Osnabrück
0541 318-254
E-Mail-Kontakt

Natürlich, das Thema gehört zu den bioethischen Fragestellungen und wir nehmen uns solcher Fragen immer dann an, wenn sich dazu etwas tut in Staat, Kirche und Gesellschaft. Da gerade in Deutschland wieder neu über ein Gesetz nachgedacht wird, um das derzeitige Zustimmungsverfahren bei der Organspende zu ändern, beschäftigen wir uns auch damit.

In der aktuellen politischen Debatte geht es um die mögliche Einführung einer Widerspruchsregelung. Im Gegensatz zur derzeit geltenden Entscheidungsregelung würden dabei alle Erwachsenen automatisch als Organspender gelten, sofern sie dem nicht ausdrücklich widersprechen. Die katholische Kirche ist gegen diese Neuregelung – warum?

Wir nehmen den Begriff der „Spende“ ernst; dazu gehört die freiwillige Entscheidung, etwas zu geben. Sich etwas wegnehmen zu lassen, weil man nicht widersprochen hat, läuft für mich nicht unter Spende. Mit dem Tod enden nicht einfach die Persönlichkeitsrechte, zu denen auch die Einwilligung in Eingriffe in meinen Körper gehört. In anderen Zusammenhängen schreiben wir Selbstbestimmung doch auch gerne ganz groß, zu Recht. Und man kann Leuten nichtpauschal unterstellen, sie seien bestimmt einverstanden, bloß weil sie sich nicht dagegen ausgesprochen haben.

Aber es gibt nun mal viel zu wenige registrierte Spendewillige …

Ja, leider. Und darum meinen viele, alles Werben für eine freiwillige Organspende habe nichts geholfen, jetzt müsse die Widerspruchslösung her, damit die Leute sich mit dem Thema auseinandersetzen. Aber ob das auf diese Weise wirklich besser gelingt, das erscheint mir sehr fraglich. Die höhere Spenderzahl in anderen Ländern hängt mit mehreren verschiedenen Faktoren zusammen.

Was wäre denn eine bessere Methode?

Man könnte die Auseinandersetzung mit dem Thema verpflichtend machen oder durchsetzen, dass man bei verschiedenen Behördengängen regelmäßig auf das Thema aufmerksam gemacht wird, also zum Beispiel beim Beantragen des Führerscheins oder eines neuen Ausweises. Ich bin sicher, da geht noch mehr. Wir stehen schlecht da im internationalen Vergleich, das stimmt, aber die Akzeptanz haben wir in Deutschland ja schon – über 80 Prozent sind laut Befragungen grundsätzlich zur Organspende bereit. Das drückt sich nur leider nicht aus in hinterlegten Erklärungen und Organspendeausweisen, und da muss man ran.

Also grundsätzlich unterstützt die katholische Kirche die Organspende?

Weitere Infos

Ja, sie wirbt sogar dafür, will dazu ermutigen! Aber nicht mit der Moralkeule: „Als guter Christ musst du spenden!“; das wäre überzogen. Doch die Bereitschaft zur Organspende wird als ein Akt der Barmherzigkeit und Solidarität betrachtet. Auch Bischof Dominicus hat sich anlässlich des Tages der Organspende am 6. Juni gerade zum Thema geäußert: „Die christliche Tradition sieht in der Bereitschaft zur Organspende einen besonderen Ausdruck der Nächstenliebe. Papst Johannes Paul II. sprach in diesem Zusammenhang vom ‚Heroismus des Alltags‘. Damit ist kein außergewöhnliches Heldentum gemeint. Es geht um Menschen, die im Stillen Verantwortung für andere übernehmen. Organspende ist nicht nur wichtig, sondern aus christlicher Sicht auch richtig.“

Nach christlicher Überzeugung ist das Leben und damit auch der menschliche Körper ein Geschenk Gottes. Steht eine Organentnahme nicht im Konflikt mit der Würde des Verstorbenen?

Nein, ich wüsste nicht, was Gott dagegen haben sollte, dass Organe eines Verstorbenen einem anderen Menschen Leben schenken. Mich erinnert die Frage an Gespräche über Bestattungsformen: Kein Christ muss Sorge haben, dass ihm etwas zur Auferstehung fehlt, wenn sein Leichnam verbrannt wird oder wenn ihm Organe entnommen werden. Die jenseitige Existenz ist eine, die nicht auf die Moleküle und die Materie des irdischen Körpers angewiesen ist. Einem Willen zur Organspende nachzukommen, widerspricht nicht der Würde des Spenders, sondern im Gegenteil, nimmt diesen in seiner Würde ernst.

Provokante Frage zum Schluss: Hätte Jesus einen Organspendeausweis gehabt?

Also, ich bin immer vorsichtig damit, dem Herrn etwas unterzuschieben, aber ich denke, er hätte einen gehabt. Denn der Ausweis dokumentiert ja zunächst nur eine Entscheidung, auch die gegen eine Spende. Jesus hätte sich mit dem Thema befasst und sich dazu verhalten, vermute ich mal. Außerdem kann ich mir gut vorstellen, dass er seine Organe gespendet hätte, nach Rücksprache mit Maria. Ich glaube, das hätte zu ihm, dem Retter unser aller Leben, gepasst.

Ich will jubeln und
deiner Huld mich freuen.

Psalm 31,8a
Sommer, Himmel, bunt