„Richtige oder falsche Entscheidungen gibt es kaum“

Szene aus der Kindersendung 1,2 oder 3
„1, 2 oder 3 – Du musst dich entscheiden, drei Felder sind frei“ – aber wohin springen? Bild: ZDF, Wolfram J.Mehl

„1, 2 oder 3 – Du musst dich entscheiden, drei Felder sind frei“ – sang schon Michael Schanze im ZDF-Kinderfernsehen. Aber wohin springen? Gute Entscheidungen zu treffen ist oft schwierig. In Bremen gibt es dazu sogar zwei Master-Studiengänge. Deren Leiterin, Prof. Dagmar Borchers, gibt als Philosophin Hinweise im Interview.

Frau Professor Borchers, was ist überhaupt eine Entscheidung?

Eine Entscheidung ist definiert als eine Auswahl unter mehreren Optionen. Wir können ja nur entscheiden, wenn wir Alternativen zur Verfügung haben. In der Regel ist uns auch daran gelegen, mehrere Alternativen zu haben – wir wollen zumindest die Option haben, aus einer Sache auch wieder aussteigen zu können. Wenn wir keine andere Wahl haben, fühlen wir uns meist nicht wohl damit. Im Idealfall, wenn man von einer rationalen Wahl sprechen möchte, treffen wir eine kriteriengeleitete Wahl. Das heißt, wir überlegen uns, was sind hier die einschlägigen Kriterien, das können quantitative wie zum Beispiel finanzielle Gesichtspunkte sein und/oder qualitative Kriterien und sortieren die Alternativen entsprechend und wählen dann die, die dem am ehesten unseren als relevant erachteten Kriterien entspricht. Dabei hat die empirische Entscheidungsforschung unter anderem gezeigt, dass wir im Alltag nicht unbedingt nach den gewinnmaximierenden Lösungen mit dem objektiv größten Nutzen suchen, sondern den Wahlprozess mit Ergebnissen abschließen, die wir als zufriedenstellend empfinden – ohne zu meinen, wir hätten jetzt die bestmögliche Lösung gefunden.

Aber ist man wirklich froh, wenn man verschiedene Optionen hat? Manche wünschen sich, sie müssten sich gar nicht entscheiden.

Natürlich, es gibt dieses Überlastungsphänomen, das gerade gesamtgesellschaftlich sehr stark ist. Das hat auch eine politische Dimension: Demokratie ist ein politisches System, das darauf angelegt ist, Bürgerinnen und Bürgern an Entscheidungsprozessen teilhaben zu lassen. Und natürlich haben wir in unserer Wohlstandsgesellschaft ein enormes Überangebot, was zum Beispiel Konsumentscheidungen betrifft. Das kann man alles als belastend erleben. Aber gleichzeitig sollten wir dankbar sein. In einem politischen System zu leben, das uns keine Entscheidung mehr lässt, ist sicherlich nicht das, was wir wirklich wollen.

Weitere Infos

  • Mehr Informationen zu den zwei Studiengängen „Komplexes Entscheiden“ und „Entscheidungsmanagement“ an der Universität Bremen finden sich hier.
  • Was es mit dem Transformationsprozess „verändert bleiben“ im Bistum Osnabrück auf sich hat, wird hier erklärt.

Was unterscheidet denn die gute von der schlechten Entscheidung?

Ich versuche immer, die Studierenden unserer Entscheidungsmaster von dem Gedanken wegzubekommen, es gäbe eine richtige Entscheidung. Richtige und falsche Entscheidungen gibt es kaum. Von der Vorstellung, alles richtig machen zu wollen, sollten wir uns distanzieren. Wir sollten lieber versuchen, es gut machen zu wollen. Das ist ein großer Unterschied. Wenn wir es gut machen wollen, können wir klare Überlegungen anstellen. Für mich heißt das unter anderem, dass man auch einen moralischen Standpunkt einnimmt und nicht nur sich selbst im Blick hat, sondern auch diejenigen, die von der Handlung betroffen sind. Dass man sich empathisch fragt, was sind deren Interessen? Natürlich reflektiert man an die möglichen beziehungsweise die wahrscheinlichen Konsequenzen einer zu treffenden Entscheidung. Es sind aber auch andere Aspekte zu bedenken: Zum Beispiel, wie lässt sich mit der Entscheidung leben? Manchmal ist eine Entscheidung gut, wenn wir uns treu geblieben sind, wenn wir unsere Werte nicht verraten haben, selbst wenn das (für uns schlechte) Folgen hatte. Es scheint mir wichtig für eine gute Entscheidung zu sein, dass wir mit uns auch rückblickend im Einklang sind. Sie kann gut sein, wenn wir eine Haltung vertreten, einen Standpunkt eingenommen haben und nicht nur darauf schauen, was für uns die bestmöglichen Konsequenzen hätte.

Oft erweisen sich Entscheidungen übrigens als gut, von denen wir das nie gedacht hätten und umgekehrt. Was gut für uns ist, können wir gar nicht immer im Vorhinein klar festlegen. Es ist ein starker Zug des Lebens, dass es uns immer wieder zeigt: Das Beste für Dich ist etwas anderes, als du es dir gedacht hast.

Auch eine gute Entscheidung kann ja nicht immer für alle positiv sein. Kommt man aus diesem Dilemma raus?

Da hilft nur große Klarheit. Man muss manchmal für andere schmerzhafte Entscheidungen treffen, negative Entscheidungen. Da geht es nicht anders, als dass man klar ist, dass man sich das bewusst macht, dass man dazu steht und dass man diese Entscheidung gut begründen kann. Ich denke, es wird viel zu wenig über die Begründung von Entscheidungen reflektiert. Man konzentriert sich auf die Frage, welche Entscheidungen man treffen sollte und dann kommt vielleicht noch ein strategisches „Wie kommuniziere ich das jetzt?“ ins Spiel. Aber die Darlegung von Gründen und einschlägigen Überlegungen, die zu der Entscheidung geführt haben, finden viel zu wenig statt. Mir scheint, Menschen können mit für sie negativen Entscheidungen besser leben, wenn sie den Gedankengang dahinter nachvollziehen können. Deswegen glaube ich, dass man Zeit, Energie und Aufwand in die Vermittlung einer Begründung gerade für jene Entscheidungen legen sollte, die für andere negative Konsequenzen haben.

zwei Türen, eine rot, eine blau
Durch welche Tür geht man?

Und wenn man sich nicht entscheidet?

Das ist eine Vermeidungsstrategie, die in der Regel schief geht. Dann überlässt man den Dingen ihren Lauf. Da kann man die Konsequenzen noch viel weniger überblicken. Das Nichtentscheiden verhindert zwar manchmal übereilte Entscheidungen, wie dieses berühmte „Noch-mal-eine-Nacht-drüber-schlafen“. Aber das ist etwas anderes. Sich Zeit zu nehmen, kann sehr sinnvoll sein. Psychologen wie Gerd Gigerenzer, Daniel Kahnemann und auch der Neurologe Gerhard Roth haben in Bezug auf die Frage, was gute Entscheidungen sind, darauf hingewiesen, dass es schnelle spontane Entscheidungen gibt, die wir blitzartig treffen. In Bereichen, in denen wir viel Wissen und Erfahrung, also eine große Kompetenz haben, können das sehr gute Entscheidungen sein. Wo das nicht der Fall ist, müssen wir sorgfältig überlegen. Und wenn wir dann immer noch unsicher sind, kann es vernünftig sein, unserem Unterbewusstsein noch Zeit zu geben, alles noch einmal zu überdenken – buchstäblich im Schlaf.

Wie bereitet man sich auf Entscheidungen vor?

Das ist mit viel Reflexion verbunden. Man kommt nicht umhin, darüber nachzudenken, was einem wichtig ist, welche Werte, welche Zielvorstellungen man hat. Man muss über das eigene Menschenbild, über Prozesse und Strukturen nachdenken. Und dann kommt der Kommunikationsprozess dazu: Man sollte versuchen, möglichst viele Menschen dazuzuholen, im Team zu entscheiden, um viel Kreativität zu entfachen, Ideen zu sammeln und sich Kritik anzuhören. Auch der Philosoph Immanuel Kant hat in seinem Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ betont, wie wichtig es für gute inhaltliche Ergebnisse sei, dass man seine Auffassungen zur Diskussion stellen sollte, weil sie dann besser werden. Deswegen ist ein Team wichtig, in dem eine offene, positive, konstruktive Atmosphäre herrscht. Menschen, die man grundsätzlich schätzt, die aber nicht alle einer Meinung sind. Außerdem ist es wichtig, das betroffene Umfeld möglichst früh in Entscheidungsprozesse einzubinden und zu sagen: Wir haben dieses Problem, wir müssen das verändern, aus den und den Gründen. Also immer begründen, begründen, begründen; das ist das A und O.

Jetzt ist das Bistum Osnabrück gerade in einem Transformationsprozess und es gilt, gute Entscheidungen zu treffen. Was raten Sie in solchen Situationen?

Claim verändert bleiben Transformationsprozess im Bistum Osnabrück

Wenn es Spannungen gibt, wenn man sich geärgert hat, wenn man jemanden gerade sehr ablehnt, hat man die Tendenz, sich zurückzuziehen und vor sich hin zu grummeln. Man geht sich aus dem Weg, und das anstehende Problem wird größer statt kleiner. Gerade in komplexen Prozessen muss man aufpassen, dass die Crew, die Entscheidungen trifft, atmosphärisch zusammenbleibt. Sich zu überwinden, in das Büro des anderen zu gehen und zu sagen: „Können wir darüber noch mal sprechen“, ist mühsam. Niemand macht das gern, das ist eine lebenslange Lernaufgabe. Aber es ist nötig, diese Mikroverstimmungen immer wieder auszuräumen, damit es weitergeht und zwar so, dass man sich gut miteinander fühlt. Sonst sammeln sich diese negativen Emotionen und Befindlichkeiten an, setzen sich fest und bringen die Menschen auseinander. Im schlechtesten Fall können sich nahezu unversöhnliche Fraktionen bilden, und dann wird der weitere Prozess extrem schwierig.

Und wie geht man mit Veränderungen um, die Entscheidungen bewirken?

Veränderungen lösen oftmals Ängste aus, und Menschen mögen tendenziell keine Veränderungen. Aber das Leben ist ja nichts anderes als eine Kette von Veränderungen. Man muss denjenigen, die von dem Prozess betroffen sind, immer vermitteln: Wir machen das, weil wir eine Vision und eine Idee haben, wohin wir mit der Organisation wollen. Und das positiv formuliert: Wir wollen das und das verbessern, wollen wieder mehr Dynamik reinbringen. Damit die Leute sehen: Es geht darum, unsere Institution besser aufzustellen, ihre Attraktivität zu erhöhen. Es gibt auch einen gewissen Spaß und Freude an der Veränderung: Wir lüften durch, wir räumen die Bude um und machen das neu. Das bringt vielleicht auch Chancen für meine Entwicklung mit sich. Es wäre gut, wenn man den Beteiligten dieses Gefühl mit auf den Weg geben kann.

Den herrlichen Glanz deiner Hoheit und deine Wundertaten will ich besingen. 

Psalm 145,5

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