Wenn jeder gibt, was er hat

Bibelfenster zum 13. November 2015

Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.
Luther-Bibel 1984, Markus 12, 41-44

 

Einerseits: Dass Jesus gerade diese Frau als vorbildlich hervorhebt, kann ich nachvollziehen. Sie gibt schließlich schon in Relation zu ihrem Besitz wesentlich mehr als die Reichen, die nur von ihrem Überfluss abgeben. Es zählt nicht die absolute Geldmenge, sondern die relative.

Andererseits: Die Witwe gibt nicht bloß irgendetwas von dem geringen Besitz ab, sondern „alles, was sie zum Leben hatte“. Was bleibt ihr dann noch? Nichts, oder? Und wovon lebt sie dann? Muss sie sich auf die Straße setzen und betteln? Oder in unserer Gesellschaft heute: Liegt sie dann etwa dem Staat auf der Tasche und lebt von unseren Steuergeldern? Soll solch ein Lebensmodell wirklich unser Vorbild sein?

Vielleicht darf ich die Erzählung auch noch ein wenig anders lesen, nicht ausschließlich materiell, weil wir zum Leben nämlich nicht nur Käufliches wie Nahrung, Kleidung, ein Dach über dem Kopf brauchen, sondern auch so vieles, was unbezahlbar ist: Liebe, Anerkennung, Zuwendung, Zeit …

Das Bibelfenster

Hier kommentieren jede Woche Menschen aus dem Bistum Osnabrück eine Bibelstelle aus einer der aktuellen Sonntagslesungen – pointiert, modern und vor allem ganz persönlich.

Haben Sie eine Frage? Oder eine ganz andere Idee zum Thema?

Dann schreiben Sie uns!
An bibelfenster@bistum-os.de

Dann höre ich das Beispiel der armen Witwe als Einladung, von mir als Person etwas zu geben, was ich vielleicht reichlich habe, aber nicht immer im Überfluss. Das können die fünf Minuten Zeit sein, die ich jemandem schenke, dem gerade etwas auf dem Herzen liegt, obwohl ich eigentlich jetzt gerade keine Zeit habe. Oder der Einkauf für die Nachbarin, obwohl mir das Umstände bereitet. Oder auch die Solidarität mit den Flüchtlingen, die sich ganz unterschiedlich darstellen kann: durch Sach- und Geldspenden, durch Hilfe, die durch mich Hand und Fuß bekommt, durch das Wort, das ich gegen Hetzparolen ergreife …

Was können Sie von sich geben, um das Leben von anderen reicher zu machen?

Inga Schmitt, Pastoralreferentin