„Das Gute in der Gesellschaft zum Glänzen bringen“

Plakat mit Demokratie-Slogan
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Vor zwei Jahren gründete sich das „Bündnis für Demokratie, Vielfalt und Menschenrechte im Landkreis Diepholz“. Mit dabei: Dechant Joachim Kieslich aus dem Dekanat Twistringen. Im Interview erzählt er, wie er als Kirchenmann in diesem Kreis ankommt, warum sie ein Bewusstsein für die Demokratie schaffen wollen und wieso er lieber für etwas eintritt, als gegen etwas zu sein.

Die katholische Kirche im Dekanat Twistringen ist Mitglied im „Bündnis für Demokratie, Vielfalt und Menschenrechte im Landkreis Diepholz“. Warum?

Vor über zwei Jahren bekamen wir die Anfrage, ob wir als Kirche interessiert wären, dort mitzuarbeiten. Die Frage war: Wie stehen wir zu unserer Demokratie? Als katholische Kirche müssen wir hier unseren Mund aufmachen. Die gesellschaftliche Stimmung hat sich in der vergangenen Zeit ja verändert. Mittlerweile sind wieder stärker nationalistische Gedanken unterwegs. Zumindest ein Teil der Gesellschaft plädiert dafür, Grenzen aufzurichten und klar zu sagen, wer das Recht hat, hier zu leben und wer nicht. Auch die Veränderung in der Parteienlandschaft ist sehr akut. Deshalb habe ich gesagt, ich finde es wichtig, dass wir als katholische Kirche im Dekanat Twistringen in diesem Kreis sind. Wir haben da eine Stimme. Die Kirche hat durch die Botschaft Jesu immer eine sehr menschenzugewandte Seite, sie tritt gerade für die ein, die es in unserer Gesellschaft schwer haben. Dazu gehören Geflüchtete und Ausländer, die in unserem Land leben und bedrängt werden.

Wie kommen Sie als Vertreter der katholischen Kirche im Bündnis an? Werden Sie da akzeptiert?

Ja, Kirche wird auf jeden Fall wahrgenommen und ich merke auch, dass meine Stimme gehört wird. Ich komme mit Leuten in Berührung, mit denen ich sonst nicht unbedingt Gespräche führe. Das sind Menschen drin, die mit Kirche wenig Berührung haben oder ihr skeptisch gegenüberstehen. Wir treffen uns immer am zweiten Donnerstag im Monat im Pfarrzentrum in Twistringen. Ich habe das angeboten, weil Twistringen mittig im Landkreis liegt und gut erreichbar ist. Dass das Bündnis hier tagen kann, ist unser Beitrag.

Es ist aber nicht der Raum für Mission …

Nein, das wollen die nicht. Da würden sie mir klare Rückfragen stellen: Wie sieht es denn mit Demokratie im eigenen Laden aus? Und katholische Kirche ist bis heute ein hierarchisches System. Das ist leider so durch unsere Verfasstheit.

Also man schaut schon über seine eigene Bubble hinaus?

Weitere Infos

  • Im Fokus des „Bündnis für Demokratie, Vielfalt und Menschenrechte im Landkreis Diepholz“ stehen der Schutz der Demokratie, das Fördern von Vielfalt und das Einhalten der Menschenrechte nach dem Grundgesetz. Das Motto lautet: „Für etwas einsetzen, nicht gegen etwas sein“. Neben den Kirchen und anderen Religionsgruppen engagieren sich im Bündnis unter anderem auch der „Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen“ und Initiativen wie „Omas gegen Rechts“.
  • Ähnliche Initiativen mit Beteiligung der Kirchen sind im Bistum Osnabrück unter anderem das Bündnis „Osnabrück – bunt und solidarisch!“, die Vereine für Toleranz und Demokratie „Emsland zeigt Gesicht!“ und „Grafschaft zeigt Gesicht“ oder die Initiative „Artland wählt Demokratie“, die jetzt zu den Kommunalwahlen am 13. September gestartet ist.

Genau, man ist da nicht in der üblichen „Kirchenblase“. Ich habe in diesem Bündnis eher eine Tendenz ins linke Milieu rein. Aber es geht hier nicht um Parteipolitik. Man muss nicht befürchten, gleich mit seinen Aussagen in eine politische Ecke gestellt zu werden. Und es geht nicht – das war mir wichtig – gegen eine politische Richtung, sondern ich kann mich da für etwas einsetzen, eben für Demokratie, für Vielfalt, Menschenrechte.

Und wie setzt sich dieses Bündnis dann für Demokratie, Vielfalt, Menschenrechte ein?

Indem es versucht, erstmal ein Bewusstsein zu schaffen. Dass man die Leute wachrüttelt, die diese Veränderungen schweigend hinnehmen oder sich nicht damit befassen. Denn es steht etwas auf dem Spiel, wenn wir unsere Demokratie leichtfertig aus der Hand geben. Unser System ist sehr offen, aber deshalb vielleicht nicht so wehrhaft. Und wenn gewisse Kräfte, sowohl von links wie auch von rechts, es angreifen, ist diese gesellschaftliche Lebensform von der Zerstörung bedroht. Das kann schleichend passieren. Aber die Demokratie ist, trotz ihrer Fehler, immer noch die beste Staatsform, die es gibt. Sie bietet den Menschen den größten Freiraum, sich selbst zu entwickeln. Deshalb wollen wir im Bündnis darauf schauen: Was können wir unserem Staat Gutes tun? Wie können wir ihn stärker machen? Und andererseits: Wie bringen wir ins Bewusstsein, dass das alles brüchig werden kann und die Gefahr besteht, dass wir vielleicht erst viel zu spät merken, was kaputt gegangen ist.

Wie präsentieren sie sich in der Öffentlichkeit?

Wir sind präsent bei Demokratiefesten vor der Kommunalwahl. In Twistringen zum Beispiel am 10. September im Hochzeitswald. Ich glaube, dass das sehr vielversprechend wird, zumindest dieses Bewusstsein zu stärken: „Wir sind viele und wir möchten uns auch hier engagieren.“ Da sind wir dann ein Teil davon. Wir zeigen uns an einem Stand und sind mit unseren Flyern da, kommen mit den Besucherinnen und Besuchern ins Gespräch. Wir binden uns ein und lassen uns einbinden. Das kann immer noch mehr werden und wir wollen weitermachen, nach den Kommunalwahlen kommen im kommenden Jahr die Landtagswahlen. In diesem Engagement ist viel Idealismus dabei. Da stecke ich nicht nur meine dienstlichen Belange rein, sondern das ist auch nochmal von mir persönlich ein Ehrenamt.

Wenn Sie jetzt auf die letzten zwei Jahre blicken und ein Zwischenfazit ziehen, denken sie, hat es sich gelohnt, sich als Kirche hier zu engagieren?

Orientierungspunkt zukünftige Kirche im Bistum Osnabrück

Hintergrund

Mit Blick auf die Zukunft fördert das Bistum Osnabrück unter anderem Projekte, die kulturelle Vielfalt gestalten und aktiv am Gemeinwohl mitarbeiten. Weitere Infos zum Transformationsprozess gibt es hier.

Auf jeden Fall lohnt es sich immer, für das einzustehen, was uns wichtig ist. Und es lohnt sich allemal, ein klares Bekenntnis für unsere freiheitliche Grundordnung zu leisten. Das schützt uns auch als Kirchen. Sonst kommen wir wieder in ein Gegeneinander hinein, wo wir uns als Kirche behaupten müssen und Gefahr laufen, gespalten zu werden. Das wissen wir aus der NS-Zeit, dass es da viele Mitläufer aus den Kirchen gab. Wir als Kirche haben den Anspruch, nicht nur für unsere Gläubigen da zu sein, sondern für alle Menschen. Jesus hat nicht nur auf die eigenen Leute geguckt, der ist zu den Fremden gegangen oder hat mit denen zumindest gesprochen, wenn ich an die Frau am Jakobsbrunnen denke. Und deswegen ist es gut zu schauen, wo habe ich Mitstreiter, auch jenseits der eigenen Blase. Man merkt dann schon, die denken in gewisser Weise ähnlich und wollen das Gute in unserer Gesellschaft wieder mehr zum Glänzen bringen. Das man den Wert unseres demokratischen Staats besser erkennt. Wenn das kaputt geht, leidet die Vielfalt, leiden die Menschenrechte und das schadet letztlich der Kirche.

Niemals, so lange die Erde besteht, werden Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht aufhören.

1.Mose 8,22