Der Papst, die Menschheit und die KI
Papst Leo XIV. hat seine erste Enzyklika veröffentlicht. Der Titel: Magnifica humanitas – Die großartige Menschheit. In dem Lehrschreiben betont der Papst die hohe Bedeutung der Menschlichkeit und der Würde jedes Einzelnen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Er sieht die Auswirkungen der KI-Nutzung als besondere Herausforderungen für die Gesellschaft – und zwar mit Blick auf viele Lebensbereiche, beispielsweise die Arbeitswelt und den Umweltschutz. Es geht ihm aber auch um den Schutz grundlegender Werte wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit.
Die gute Nachricht: Jede und jeder einzelne kann nach Ansicht des Papstes etwas dafür tun, dass auch in Zukunft nicht die Technik, sondern die Menschen im Mittelpunkt stehen. Der Theologe und KI-Experte Michael Brendel erklärt hier im Interview, welche Fähigkeiten es braucht, damit die Gesellschaft auch im KI-Zeitalter ihre Menschlichkeit bewahrt.
Der komplette Titel der Enzyklika lautet: „Magnifica humanitas – über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“. Vor was muss die Menschheit denn nach Meinung des Papstes bewahrt werden?

Das meint er in mehrerlei Hinsicht. Er warnt etwa davor, mit Chatbots „Scheinbeziehungen“ einzugehen, weil sie Empathie und Fürsorge nur simulieren können. Klingt logisch, aber es ist nun mal so, dass ChatGPT und Co. schlicht durch ihre Sprache menschlich wirken. Zentral in der Enzyklika ist der Schutz der Menschenwürde im KI-Zeitalter. In dem Zusammenhang thematisiert er unter anderem den Schutz vor Ausbeutung von Menschen, etwa in Form von Klickarbeit innerhalb der KI-Entwicklung. Er macht aber auch klar, dass Menschen nicht zu einem Datenobjekt werden dürfen, sei es beim KI-Training oder in Social-Media-Algorithmen. Das ist einer der Kritikpunkte, die er gegenüber Tech-Firmen äußert und wofür er gesetzliche Regeln fordert.
Zur Person
Michael Brendel ist Studienleiter für den Fachbereich Digitaler Wandel und Theologie im Ludwig-Windthorst-Haus Lingen. Der Theologe und KI-Experte hat bereits mehrere Bücher zum Thema digitaler Wandel veröffentlicht und schreibt gerade an einem neuen zum Thema Religion und Künstliche Intelligenz.
Der Papst warnt auch vor dem Transhumanismus, der die Überwindung des Todes durch technische Mittel zum Ziel hat. Seine Antwort darauf ist für mich die eindrucksvollste Aussage der Enzyklika: Wir Menschen brauchen unsere Endlichkeit und Begrenztheit, weil unsere Ängste und Schwächen eine Voraussetzung für Mitmenschlichkeit sind.
Ist die Kirche hier technologiekritisch – oder formuliert sie eine alternative Vision von Fortschritt?
Der Papst hebt die Vorteile der KI an mehreren Stellen hervor, versäumt aber meines Erachtens, seine Vision einer guten Zukunft mit KI aufzuzeigen. Die Forderung, dass bei KI der Mensch im Mittelpunkt stehen muss, ist ja nicht sonderlich innovativ. Richtig gut finde ich den Aufruf, dass wir als Gesellschaft unser Mitspracherecht bei der Gestaltung der KI-Zukunft einfordern sollen. KI betrifft alle, deshalb sollen auch alle darüber entscheiden, wie KI eingesetzt wird.
Papst Leo mahnt, es sei wichtig, die KI zu entwaffnen und als Werkzeug des Friedens zu nutzen – was genau meint er damit?
Das meint er ganz wörtlich: Den Einsatz von KI in Waffensystemen, die ohne menschliches Zutun über Leben und Tod entscheiden, lehnt der Papst strikt ab. Die Technologie solle vielmehr zur Lösung globaler Probleme eingesetzt werden. Er bezieht sich damit wohl auf den Einsatz in Medizin und Umweltschutz, bleibt hier aber leider auch vage. Konkret wird er beim Thema Wahrheit, die die Regierungen schützen müssen. Wenn ein Staat gegenüber der Wahrheit indifferent wird, droht das Abrutschen in den Totalitarismus. Das scheint mir auch eine Anspielung auf sein Heimatland USA zu sein.
Er fordert außerdem den Aufbau einer Zivilisation der Liebe im digitalen Zeitalter – was heißt das?
Weitere Infos
- Ein ausführliches Experten-Gespräch zum Thema mit Michael Brendel und Pfarrer Jochen Reidegeld, dem stellvertretenden Direktor des Instituts für Theologie und Frieden, können Sie hier im Video anschauen.
- Die komplette Enzyklika wurde auf der Internetseite des Vatikans veröffentlicht. Hier geht’s zur Version auf Deutsch.
- Auch Bischof Heiner Wilmer, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, hat sich schon zur Enzyklika geäußert. Seine Stellungnahme können Sie hier lesen.
Er wirbt hier für persönliche, menschliche Zuwendung im Gegensatz zu KI-simulierter Fürsorge. KI soll dabei helfen, Menschen in echten Begegnungen zusammenzuführen. Er spricht Eltern an, die ihre Kinder vor digitaler Abhängigkeit und Manipulation durch Algorithmen schützen sollen. Genauer wird er hier nicht, was ich als Vater schon ganz gut gefunden hätte – allerdings ist er für Erziehungstipps vielleicht auch nicht ganz so qualifiziert … Aber er macht klar, dass alle Menschen sich für eine soziale und mit Blick auf die KI resiliente Gesellschaft immer wieder einsetzen können und müssen: „Die Zivilisation der Liebe entsteht nicht aus einer einzigen, spektakulären Geste, sondern aus der Summe kleiner und beharrlicher Akte der Treue, die als Bollwerk gegen die Entmenschlichung dienen.“ Er nennt verschiedene Beispiele für solche Akte, unter anderem rät er, auf die eigene Sprache zu achten, weil die Macht der Worte gewaltig ist.
Welche Fähigkeiten sollten Menschen im KI-Zeitalter bewusst schützen oder neu lernen, damit sie nicht von der KI abhängig oder manipulierbar werden?
Vor allem ist der Papst besorgt, dass wir unbedacht immer mehr Aufgaben an die KI abgeben, was die Fähigkeit zum eigenständigen, kritischen Denken gefährdet. Ich merke das auch bei mir selbst, wie schnell der Griff zum Handy geht, wenn ich irgendeine Frage habe. Klar, dass man irgendwann denkfaul wird, wenn man sich nicht mehr die Mühe macht, selbst nachzudenken. Wir brauchen unsere Urteilskraft aber, um nicht auf KI-generierte Falschinformationen reinzufallen. Die ernsthafte Suche nach der Wahrheit braucht Zeit und Geduld.
Viele werden die Enzyklika nicht komplett lesen – was ist die eine Botschaft, die trotzdem alle daraus mitnehmen sollten?
KI ist ein hilfreiches Werkzeug, wenn sie politisch begrenzt und vom Menschen zum Guten eingesetzt wird.