Liebe auf dem Drahtseil

Braut klettert Felswand hoch
Bild: unsplash.com, Dylan Siebel

Blauer Himmel, die Sonne lacht, Rosen in der Hand, ein Traum von einem weißen Kleid und dann die feierlichen Worte: „Ich will dich lieben, achten und ehren alle Tage meines Lebens“. Das Hochzeitspaar schaut sich verliebt in die Augen, bei der Schwiegermutter kullern ein paar Tränen über die Wange, die Ringe werden getauscht – Happy End! So sieht sie aus, die idyllische Hochzeit, bekannt aus romantischen Filmen und Büchern. An dieser Stelle endet die Geschichte meist – was danach kommt, will ja auch eigentlich keiner mehr so genau wissen …

Drahtseilakt Ehe

Die Wahrheit ist: Ehe ist eine tägliche und lebenslange Herausforderung! In Deutschland wurden 2015 rund 163 000 Ehen geschieden. Dem gegenüber stehen 400 000 neu geschlossene Ehen. Das Statistische Bundesamt hat berechnet, dass die 2015 geschiedenen Ehen im Durchschnitt etwa 15 Ehejahre bestanden hatten – keine rosigen Aussichten für die ewige Liebe. „Die Ehe ist eine Gegenwelt zur heutigen ‚Ex-und-Hopp-Gesellschaft'“, sagt Bernhard Plois, Leiter der Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung im Bistum Osnabrück. „Sie steht in den Wunschlisten ganz weit oben und ist gleichzeitig oft unerreichbar.“

Gott ist mit im Bund

Die Motive, sich zu trauen, sind vielfältig: Steuervergünstigungen, der Wunsch, die Beziehung auch offiziell zu festigen, ein rauschendes Fest feiern – und natürlich: die Liebe. Für Christen ist die Ehe aber noch mehr: ein Sakrament, das die Eheleute einander spenden im Vertrauen, dass als Dritter Gott mit im Bunde ist, schützend und leitend. Ein guter Grund, sich vertrauensvoll auf das Drahtseil zu wagen – jeden Tag aufs Neue.

Paar bei Sonnenuntergang am Strand
Wichtig für eine gute Ehe: reden, reden, reden – und das nicht erst, wenn es Probleme gibt Bild: pexels.com/Josh Willink

„Ehe wird nicht geschlossen, sie entwickelt sich“ sagt Bernhard Plois. „Ehe ist, wenn zwei sich zanken und beide gewinnen – sie wird immer ein Aushandlungsprozess sein.“ Eine der größten Herausforderungen für eine dauerhafte Partnerschaft sei deshalb, miteinander im Gespräch zu bleiben bzw. immer wieder neu ins Gespräch zu kommen. Hört sich einfach an, kann aber sehr schwer sein, wenn das Kribbeln der Verliebtheit nachlässt, wenn der Alltag einkehrt oder wenn es besondere Herausforderungen zu bewältigen gilt: finanzielle oder gesundheitliche Probleme, Stress im Beruf und in der Familie. Berater Plois appelliert: „Wenn Sie glauben, nicht mehr miteinander reden zu können, gönnen Sie sich ein Gespräch, eine Eheberatung! Da können Sie die verbliebenen und bisher unentdeckten Potentiale ihrer Beziehung klären und gegebenenfalls neu durchstarten.“

Seiner Meinung nach gibt es kein Scheitern einer Zweierbeziehung, an dem nicht beide Anteil haben. Dabei gehe es keinesfalls um Schuldzuweisung – Schuld beim Anderen suchen sei in aller Regel verderblich, eigene Schuld finden dagegen hilfreich. In der Beratung gelte das Prinzip der Aufarbeitung: „Lieber mit dem alten Partner Neues anfangen als mit einem neuen Partner Altes wiederholen.“

Wie Ehe funktionieren kann, dafür hat Plois noch ein paar Tipps: „Zeit zu zweit verbringen, aber genauso: ‚Du lässt mich und ich lasse dich'“; kleine Aufmerksamkeiten, aber genauso großen Sex; zuhören, aber genauso einander herausfordern; Wertschätzung der Fähigkeiten und Eigenarten des Anderen; reflektiertes miteinander älter werden; sich unterordnen, aber auch sich durchsetzen können; vergeben. Und: dem anderen treu bleiben kann nur, wer sich auch selbst treu bleibt!“