„Es ist nötig, seine Vorurteile im Kopf zu hinterfragen“

Spielhütchen in rot und schwarz
Bild: unsplash.com, Markus Spiske


Rassismus äußert sich in verschiedenen Formen. Anlässlich des „Tags gegen Rassismus“ am 21. März erzählt Heba Najdi vom Antidiskriminierungsbüro der Stadt Osnabrück hier, wie sich Rassismus im Alltag zeigt und was man gegen Vorurteile und Stereotype im Kopf tun kann.

Frau Najdi, kann man unabsichtlich rassistisch sein?

Jeder Mensch trägt Rassismus in sich. Wir sind alle rassistisch sozialisiert, sind alle mit Vorurteilen und Stereotypen aufgewachsen. Wir haben alle gewisse Bilder im Kopf, die wir automatisch abrufen, die durch die Gesellschaft oder durch die Erziehung an uns herangetragen wurden. Deswegen passiert es häufig unabsichtlich, dass wir Menschen abwertend oder ungleich behandeln. Im Alltag ist das oft ein Automatismus. Wir denken in gewissen Mustern. Das hilft uns etwas, alles zu strukturieren. Auch wenn etwas nicht so gemeint war, bleibt die Wirkung bestehen, wenn sich Menschen dadurch abgewertet oder ausgeschlossen fühlen. Deswegen zählt bei Rassismus in erster Linie nicht die Absicht, sondern die Wirkung bei der betroffenen Person.

Auf der einen Seite helfen uns also die Vorurteile im Alltag, auf der anderen Seite werten sie aber auch Menschen ab …

So funktioniert unser Gehirn. Es hat eine Art Schutzmechanismus, der direkt Alarm schlägt, wenn etwas Unbekanntes auf uns zukommt. Da reflektieren wir nicht: Was sind denn überhaupt unsere Stereotype? Aber darauf können wir uns nicht ausruhen. Wir müssen trotzdem immer wieder unsere Vorurteile hinterfragen, gerade weil diese Muster automatisch ablaufen.

Weitere Infos

Heba Najdi ist Sozialwissenschaftlerin und hat darüber hinaus verschiedene Fortbildungen zum Thema interkulturelles Lernen absolviert. Seit knapp sechs Jahren ist sie im Antidiskriminierungsbüro der Stadt Osnabrück angestellt und ist außerdem als Trainerin zu Rassismus- und Antidiskriminierungsthemen tätig.

Das klingt anstrengend.

Das gehört dazu. Man muss Arbeit reinstecken. Man muss aber auch erst mal selbst erkennen: Ja, auch ich bin rassistisch, in mir stecken Vorurteile und Stereotype. Man kann niemanden davon freisprechen. Aus der Erkenntnis sollten dann auch Folgen gezogen werden: Alltagsrassismus löst bei den betroffenen Menschen, wie den migrantisch gelesenen, etwas aus.

Wie würden Sie Alltagsrassismus beschreiben?

Alltagsrassismus ist eine ungleiche Behandlung, Abwertung, Ausgrenzung. Es sind Denkmuster und Verhaltensweisen, die im Alltag unterschwellig passieren und Menschen ausschließen. Das ist oft sehr subtil, ohne offene Beleidigung. Oft wirkt es harmlos, hat aber eine Botschaft, die mittransportiert wird. Du gehörst nicht selbstverständlich dazu. Man kann in diesem Zusammenhang auch von Mikroaggressionen sprechen.

Wie zum Beispiel?

Ein typisches Beispiel ist die Frage: „Wo kommst du her?“ Wichtig ist die Botschaft dahinter und auch die Art und Weise, wie man fragt. Das hat man häufig nicht so im Blick: Ich bekomme diese Frage täglich gestellt, die andere Person daneben wird nicht danach gefragt. Das macht etwas mit mir als Person, die von Rassismus betroffen ist oder betroffen sein kann. Es gibt ihr dieses Gefühl: Du kommst nicht von hier, du bist nicht so wie wir.

Und wenn man die Frage wirklich nur aus Interesse stellt?

Ich sage immer, man soll einfach erstmal darüber nachdenken, ob ich diese Frage in der Form wirklich einer weiß gelesenen Person genauso stellen würde. Und dann kommt es auf den Kontext an. Es sind immer individuelle Situationen. Wenn ich jetzt beispielsweise eine Person länger kenne, mich mit ihr unterhalte und sie mir signalisiert: Ich möchte mich auch zu meiner Person äußern. Dann ist es vollkommen normal, diese Frage zu stellen. Aber es gibt viele Situationen im Alltag, da wird man von fremden Personen einfach angesprochen: „Wo kommst du eigentlich her?“ Da denke ich mir, was macht das jetzt für einen Unterschied, woher ich komme. Weil ich in dem Moment nicht mehr als Individuum gesehen werde, sondern als Mitglied einer Gruppe. Das geht in Richtung Rassismus. Ich muss immer dazu sagen: Rassismus ist ein Spektrum. Man kann nicht sagen, das ist rassistisch und das nicht. Im Endeffekt ist es aber egal, ob ich Interesse hatte. Es ist wichtig, wie es bei der Person ankommt.

Angebot zur Fortbildung: kulturbewusste Kommunikation

Kirche wird zunehmend internationaler, auch und gerade in den Gemeinden vor Ort. Das Bistum Osnabrück bietet in Haus Ohrbeck deswegen eine Schulung zum Thema „Kulturbewusste Kommunikation“ an. Der Workshop von Montag, 11. bis Mittwoch, 13. Mai 2026 schafft Orientierung und baut systematisch Kompetenz in diesem Feld auf, die für die Arbeit in einer vielfältigen Gesellschaft gebraucht wird. Referent ist unter anderem Maximilian Engl, Diplom-Theologe und Trainer für interkulturelle Kommunikation. Weitere Infos und Anmeldung auf der Internetseite von Haus Ohrbeck.

Wie kommt man aus seinen Stereotypen raus?

Erstens muss man sie erkennen. Dann kann man sich hinterfragen, ob man in einer Kategorie oder einer Schublade denkt, oder nicht. Woher kommt das Bild? Habe ich die Erfahrung dahinter selbst gemacht? Oder habe ich das nur durch die Medien mitbekommen, durchs Elternhaus, durch die Gesellschaft? Oft ist es tatsächlich so, dass man selbst nie schlechte Erfahrungen zum Beispiel mit migrantischen Menschen gemacht hat, sondern das Bild nur durchs Hörensagen bekam. Es ist dann wichtig, in die Begegnung zu gehen, mit Menschen auf Augenhöhe zu sprechen, sich vielfältiger aufzustellen. Es gehört dazu, sich über bestimmte Menschengruppen oder Kulturen zu informieren. Es hilft ein Perspektivwechsel: Wie würde ich mich an der Stelle der Person fühlen? Das Ganze muss als Prozess betrachtet werden. Ich mache auch immer wieder Fehler. Ich werde auch immer wieder in diese alten Denkmuster zurückfallen, immer wieder in Schubladen denken. Das ist völlig normal. Die Frage ist nur, wie gehe ich dann damit um?

Rassismus schadet den Menschen, die von ihm betroffen sind. Aber hat er auch negative Folgen für diejenigen, die ihn anwenden?

Wer Rassismus ausübt, besitzt oft mehr Macht im System. Deshalb profitiert diese Person von ihm. Sie hat größere Chancen, wenn andere ausgegrenzt und benachteiligt werden. Aber jeder Mensch kann in irgendeiner Weise aufgrund eines Merkmals – einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Orientierung – ebenfalls von Benachteiligung betroffen sein. Es gibt so viele verschiedene Merkmale, durch die ich Benachteiligung erfahren kann. Ich habe den Anspruch, dass ich unabhängig von meinen Eigenschaften gleichbehandelt werde. Das sollte Anspruch der ganzen Gesellschaft sein. Wir sind unterschiedlich. Die Gesellschaft ist so vielfältig. Aus meiner Perspektive sollte ein gutes Zusammenleben das Ziel sein. Jeder Mensch würde dann davon profitieren, dass wir uns hier diversitäts- und diskriminierungssensibel bewegen. Aber wenn man sich das System anschaut, profitieren eben die Menschen von Rassismus, die mehr Macht haben. Aber möchte ich dauerhaft in solch einer Gesellschaft leben? Oder doch lieber dort, wo es so viele Chancen wie möglich für alle gibt?

Können Sie noch ein paar konkrete Tipps und Tricks geben, was man beispielsweise als Gruppe in einer Pfarrgemeinde oder einem Verband gegen Alltagsrassismus machen kann?

Man sollte, wenn man Alltagsrassismus begegnet, das Gespräch auf Augenhöhe suchen. Ich finde es immer wichtig, nicht mit dem Finger auf Menschen zu zeigen und nicht allzu moralisch rüberzukommen. Es ist nötig, tatsächlich über die Erfahrungen der Menschen ins Gespräch zu kommen. Damit man diesen Perspektivwechsel anregen kann. Wichtig ist auch zu hören, offen zu sein, tolerant zu sein.

Wird der Gedanke, dass man auch im Alltag auf Rassismus achten sollte, stärker? Oder bleibt es ein dickes Brett?

Das ist ein dickes Brett und wird immer ein dickes Brett bleiben. Ich merke, je vielfältiger eine Gesellschaft wird, wird, desto wichtiger wird das Thema. Und die Menschen, die von Rassismus betroffen sind, versuchen ein Augenmerk drauf zu legen, mehr offen darüber zu sprechen. Denn viele Menschen haben dabei Hemmungen. Wenn man das Wort Rassismus hört, kommt immer direkt: Ich bin keine Rassistin, kein Rassist. Man muss sich mit diesem Thema auseinandersetzen und offen damit umgehen und sagen, ich bin auch Rassist*in. Dabei geht es darum, sich ehrlich mit den eigenen Denkmustern auseinanderzusetzen und zu erkennen, dass wir alle Vorurteile übernehmen. Das ist der Unterschied.

Wenn ihr zürnt, sündigt nicht! Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen.

Epheser 4,26