Fastenzeit und Ramadan – Zeit der Besinnung
In der Fastenzeit geht es um mehr als Nahrungsverzicht – und zwar nicht nur in der christlichen Fastenzeit vor Ostern, sondern auch im muslimischen Fastenmonat Ramadan. Im Christentum und im Islam hat das Fasten eine lange spirituelle Tradition. 2026 fallen beide Fastenzeiten auf den gleichen Zeitraum. Hier erzählen deswegen zwei Experten von ihren Erfahrungen mit Verzicht und Besinnung: Dr. Michael Schober, beim Bistum Osnabrück zuständig für den interreligiösen Dialog, und Dr. Jörg Ballnus, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für islamische Theologie. Ein Interview über Glauben, Gemeinschaft und die Chance, einander durch gemeinsames Fasten besser zu verstehen.
Warum fasten Christen und Muslime?
Michael Schober: In der christlichen Tradition war das Fasten lange mit einer Zeit der Besinnung, Buße und Reue verbunden. Es ging nicht nur um körperliche, sondern auch seelische Reinigung. Der geäußerte Verzicht sollte vielfach auch eine existenzielle Umkehr einleiten. Letzteres ist heute noch in politischen Fastenaktionen, wie das Fasten als Konsumkritik, beim Fasten gegen Atomwaffen oder beim Klimafasten zu spüren. Es geht darum, die Dinge wieder ins rechte Maß zu setzen. Ein weiterer Trend ist Heilfasten aus gesundheitlichen Gründen.

Jörg Ballnus: Das Fasten gehört zu den Fünf Säulen des Islam. Daher ist das Fasten zentraler Bestandteil muslimischer Glaubenspraxis. Der Koran beschreibt in Vers 2:183 das Fasten als Gebot. Er bezieht sich dabei auch auf die anderen Religionen. Der Fastenmonat Ramadan ist für viele muslimische Familien ein wichtiger Pfeiler im jährlichen Rhythmus. Letztendlich ist das Fasten ein Ausdruck der Verbundenheit mit dem eigenen Glauben aber auch Möglichkeit zur Neubesinnung.
Was bedeutet die Fastenzeit/der Ramadan für Sie persönlich?
JB: Ich faste bereits seit über 30 Jahren. Zwei Jahre vor meinem Übertritt zum Islam habe ich aus spirituellem Interesse begonnen zu fasten. Ramadan ist ein Monat, den es eigentlich immer geben sollte. Alltag, Religion und Spiritualität finden besser zueinander. Fasten bedeutet auch aktive Teilhabe am Ramadan. Das nicht nur lokal, sondern auch global fühle ich mich meiner Familie in Indonesien und Australien verbunden, weil wir zur gleichen Zeit das gleiche tun. Fasten ist auch eine Herausforderung für Körper und Geist. Nach einigen Tagen wird sie weniger fordernd. Es entwickelt sich dadurch eine gute Begleitung. Gesundheit spielt zunehmend beim Fasten eine wichtige Rolle. Dieser Bezug hilft auch, das Fasten mental besser zu verstehen. Besonderen Wert lege ich auf Ruhe, Besinnung, das Gebet allein, das Gebet in der Gemeinschaft aber auch auf das Lesen des Koran.

MS: Ich selbst faste nicht, weil mich das traditionelle katholische Fasten, nur auf Fleisch zu verzichten, nicht überzeugt. Da ich nicht jeden Tag Fleisch esse, hätte ich sonst eine ganze Menge Fasttage. Bewusst auf Fleisch verzichte ich aber gemäß der Tradition am Aschermittwoch und Karfreitag. So ähnlich haben es auch manche frühchristlichen Gemeinden gemacht, wie man im Markus-Evangelium nachlesen kann (Markus 2,19-20). Für mich spielt in der Fastenzeit vor allem das Element der Besinnung eine Rolle. So lese ich zum Beispiel in der Karwoche immer einen der Passionsberichte der Evangelien am Stück und habe dabei schon spannende Entdeckungen gemacht.
Was ist das Besondere an der christlichen Fastenzeit/im Ramadan – im Unterschied zum jeweils anderen?
MS: Im christlichen Fasten ist aus meiner Sicht die Gemeinschaftserfahrung beim Fasten selbst verlorengegangen, ein so schönes Ereignis wie das abendliche Fastenbrechen im Islam war leider nie Teil der Tradition.
Weitere Infos
- Zu einer Veranstaltung mit dem Titel „Mehr Wissen über Fasten in christlicher und islamischer Perspektive“ laden Michael Schober, Jörg Ballnus und die Katholische Erwachsenenbildung am 12. März ein. Weitere Infos und Anmeldung hier.
- Ein Grußwort der katholischen Bischöfe in Niedersachsen und Bremen zum Ramadan finden Sie hier.
- Hier gibt es weitere Angebote zur Fastenzeit im Bistum Osnabrück.
JB: Die christliche Fastenzeit ist stärker in kirchliche Feste eingebunden. Auch der gesellschaftliche Alltag ist dadurch viel besser auf die Fastenzeit abgestimmt. Zudem ist der zeitliche Rahmen bezogen auf die Jahreszeiten konstant im Vergleich zum Ramadan, der durch die Orientierung am Mondkalender durch das Jahr wandert.
Welche Gemeinsamkeiten im Fasten können Christen und Muslime nutzen, um das gegenseitige Verständnis und den Dialog zu fördern?
JB: Fasten bedeutet immer, sich von etwas zu enthalten, etwas nicht zu tun. Dieser Verzicht hat die gleiche Quelle: Gott. Auch, wenn wir unterschiedlich fasten, kann uns diese Enthaltsamkeit dem Grunde dieses Tuns zuführen. Das ist ein wichtiger Anlass, um gemeinsam über die gleiche Quelle unseres Tuns miteinander ins Gespräch zu kommen. Auch MuslimInnen übernehmen in jüngster Zeit immer mehr den Gedanken nachhaltigen Handelns auch beim Fasten. Wo es früher beim Fastenbrechen deutlich fleischlastiger zuging, gibt es heute auch den bewussten Verzicht auf Fleisch.
MS: Eine entscheidende Frage für die Zukunft unserer Welt wird sein, ob wir ein gemeinschaftliches Umdenken schaffen, das sich etwa an folgenden Fragen orientiert „Was brauche ich wirklich?“, „Wo fängt evtl. Verschwendung an Ressourcen etc. an?“ und „Wie besiegen wir den weltweiten Hunger von Millionen Menschen?“ Der zeitweilige Verzicht kann hier zu mehr Solidarität und maßvollem Handeln ermutigen.