Willkomenskultur für Menschen in Not

Flüchtlinge sind Nachbarn

Fangen wir mit ein paar Zahlen an: 52.000 Flüchtlinge sind seit Jahresbeginn an Italiens Küste gelandet – das sind bereits jetzt mehr als im gesamten Jahr 2013, als knapp 42.000 kamen. Nach Schätzungen des italienischen Innenministeriums könnte sich die Zahl bis Ende des Sommers auf mehr als 100.000 erhöhen.

Etwa 9.000.000 Syrer sind seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 auf der Flucht, viele von ihnen ziehen als Binnenflüchtlinge im Land umher, einige haben sich in die angrenzenden Staaten durchgeschlagen. Rund 1.000.000 Menschen wurden vom Nachtbarland Libanon aufgenommen, das selbst nur eine Bevölkerung von rund 4.000.000 Menschen hat – eine riesige Herausforderung! Übertragen auf Deutschland hieße das, dass wir 20.000.000 Flüchtlinge beherbergen und versorgen müssten.

Weltweit sind rund 50.000.000 auf der Flucht; knapp die Hälfte von ihnen sind Kinder und Jugendliche.

Mit ihrer Jahreskampagne 2014 macht die Caritas auf Missverhältnisse im globalen Miteinander aufmerksam (Bild: globale-nachbarn.de)
Mit ihrer Jahreskampagne 2014 macht die Caritas auf Missverhältnisse im globalen Miteinander aufmerksam (Bild: globale-nachbarn.de)

„Na und?“ mag der ein oder andere jetzt sagen, „Was geht mich das an?“ So einiges! „Die Welt ist ein globales Dorf geworden und mit unserem Verhalten beeinflussen wir die Lebensbedingungen in anderen Ländern. Deshalb müssen wir die Augen öffnen für die Nöte unserer Mitmenschen“, erklärt Franz Loth, Caritasdirektor im Bistum Osnabrück. Die Caritas hat ihre Jahreskampagne 2014 darum unter die Überschrift „Globale Nachbarn“ gestellt. Globale Verantwortung und weltweite Solidarität stehen im Fokus. Mit dem Slogan „Weit weg ist näher, als du denkst“ will das Hilfswerk auf die Folgen des Verhaltens reicher Länder für die armen Regionen dieser Welt aufmerksam machen. Zugleich soll die Kampagne zeigen, wie jeder Einzelne mithelfen kann, fatale Kreisläufe zu durchbrechen.

Flüchtlinge im Lager Beqaa im Libanon, Bild: iStockphoto.com, aicamelbourne
Die Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder, hier im Lager Beqaa im Libanon (Bild: iStockphoto.com, aicamelbourne)

Solidarität für globale Nachbarn

Die Kampagne zeigt verschiedene Alltagssituationen, die in ihrer Normalität weltumspannende Folgen haben können. Überfluss und Verschwendung prägen den westlichen Lebensstil, doch Ressourcen sind endlich und unser Konsumverhalten hat Auswirkungen auf das Leben anderer Menschen und auf die Natur. Schon heute sorgt der Klimawandel für mehr wetterbedingte Krisen, in Zukunft wird er Kriege und Fluchtbewegungen auslösen. Vor allem die Menschen in den ärmeren Regionen der Welt stehen vor kaum zu bewältigende Herausforderungen. Es ist nicht zu rechtfertigen, dass wir die grenzenlose Mobilität von Kapital, Waren und Touristen als selbstverständlich erachten, Migranten und Flüchtlingen dagegen immer neue Grenzen und Hürden auferlegen. „Wer seine Heimat verlässt, stirbt viele Tode“, sagt Diakon Gerrit Schulte, Vorsitzender des Caritasrates im Bistum Osnabrück. „Flüchtlinge verlassen ihren Sprachraum, ihre vertraute Umgebung, ihre Familien, ihre Arbeit. Sie verkaufen Hab und Gut für ein brüchiges, überfülltes Boot. Tausende sterben auf der Flucht! Sie ertrinken auf dem Weg von Afrika übers Mittelmeer, erfrieren, werden Opfer von Verbrechen. Die Abschottungspolitik der EU lässt die Werte des christlichen Europas im Mittelmeer versinken. Wenige erreichen den Ort der Hoffnung: Europa. Und sterben dort dann einen sozialen Tod: Isolierung, Bürokratie, Fremdenangst, Abschiebung, Haft, erschwerter Zugang zu Arbeit und Bildung.“
Unsere globalen Nachbarn brauchen unsere Solidarität – in Deutschland und weltweit. Das fordert auch Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Welttag des Migranten und Flüchtlings 2014: „Dem Gesicht eines jeden Menschen ist das Angesicht Christi eingeprägt! Hier liegt die tiefste Wurzel der Würde des Menschen, die immer zu achten und zu schützen ist. Nicht die Kriterien der Leistung, der Produktivität, des sozialen Stands, der ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit begründen die Würde des Menschen, sondern die Tatsache, dass er als Gottes Abbild und ihm ähnlich erschaffen ist, und mehr noch, dass er Kind Gottes ist; jeder Mensch ist Kind Gottes! Es geht also darum, dass wir als Erste und dann mit unserer Hilfe auch die anderen im Migranten und im Flüchtling nicht nur ein Problem sehen, das bewältigt werden muss, sondern einen Bruder und eine Schwester, die aufgenommen, geachtet und geliebt werden müssen.“ Deswegen setzen sich Kirche und Caritas für einen fairen und solidarischen Umgang mit Flüchtlingen und Migranten ein: „Wir müssen Anwaltschaft für diese Menschen übernehmen und aktiv für die Personen eintreten, die nach Europa kommen“, sagt Gerrit Schulte. „Anstelle falscher Reden über unkontrollierte Flüchtlingsströme, die nur Wasser auf die Mühlen rechtsgerichteter Kreise sind, braucht Deutschland eine Willkommenskultur für Menschen in Not. Wer eine Kultur des Lebens und nicht des Todes fördern will, muss die Gleichgültigkeit aufgeben, auf Fremde zugehen, Räume – auch kirchliche Räume – öffnen. ‚Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen. Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan‘, sagt uns Jesus.“

Sprachkurs des Caritas-Projektes
Zahra steht vorne an der Tafel und schreibt kurze deutsche Sätze. Die Iranerin ist vor neun Monaten aus ihrem Heimatland geflüchtet, befindet sich jetzt mitten im Asylverfahren und nimmt am Sprachkurs des Caritas-Projektes „MOBIL“ teil (Bild: Caritas-os.de)

Perspektiven für alle

Gemeinsam müssen wir deswegen nach Perspektiven suchen – in der weltweiten Politik, aber auch in konkreten Projekten vor Ort. Christliches Ziel sollte dabei sein, allen Menschen unabhängig von Geschlecht, Religion und Herkunft in Würde zu begegnen und ihnen zu einem guten Leben zu verhelfen. Dazu gehören neben einem freundlichen und hilfsbereiten Umgang miteinander auch spezielle Beratung, Ausbildung und lebenspraktische Begleitung. Mit dem Projekt ProFil – Sprache als Schlüssel zur Bildung unterstützt die Caritas beispielsweise den Zugang zu Bildungsangeboten für Flüchtlings- und Migrantenkinder und setzt sich damit für Chancengleichheit und Partizipation ein. Das Projekt MOBIL bietet eine mobile Beratung und Sprachkurse für die Bewohnerinnen und Bewohner auf dem Gelände der Landesaufnahmebehörde in Bramsche-Hesepe an. In einem anderen Projekt unterstützt die Caritas-Erziehungshilfe in Bremen minderjährige Flüchtlinge, die ohne erwachsene Begleitung nach Deutschland kommen: in einer Unterkunft werden sie rund um die Uhr betreut, bekommen Deutsch-Unterricht und andere praktische Hilfen, die sie zum Start in ein eigenständiges Leben in Deutschland benötigen. Die Caritas im Bistum Osnabrück bietet darüber hinaus mit dem Migrationsfonds unbürokratische und schnelle finanzielle Hilfe und engagiert sich in vielfältigen Projekten gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.
„Jeder kann nach seinen Möglichkeiten helfen“, sagt Gerrit Schulte und nennt Beispiele: „In Osnabrück in St. Joseph hat sich nach einer aufmunternden Predigt von Diakon Harald Niermann ein ehrenamtlicher Unterstützerkreis gebildet, der jetzt den Menschen in einer nahen Flüchtlingsunterkunft hilft. Aus einer Initiative von jungen Studenten und Studentinnen der Migrationswissenschaften der Universität Osnabrück hat sich ein Aktionsbündnis gebildet, das sich für die Rechte der Flüchtlinge engagiert und in den vergangenen Monaten schon einige Abschiebungen verhindern konnte. Schwestern des Kloster Nette haben gemeinsam mit dem Bischöflichen Stuhl Wohnraum zur Verfügung gestellt und sind zu Nachbarn von syrischen Familien geworden.“ Alles beginne damit, sich für andere Menschen zu interessieren, sie zu besuchen, sich erzählen zu lassen, meint Schulte. Die Not bekomme ein Gesicht, wenn man den Mut habe, mit den Flüchtlingen zu sprechen, anstatt nur über sie zu reden. In einem weiteren Schritt sei Zivilcourage gefordert. Es gehe darum, der Gleichgültigkeit entgegenzuwirken, den Menschen in Not eine Stimme zu geben und zu widersprechen, wenn mal wieder über „die Asylanten“ und „die Wirtschaftsflüchtlinge“ und „die Einwanderer in unsere Sozialsysteme“ geschimpft werde. Es sei auch gut und sinnvoll, Abgeordneten anzusprechen auf allen Ebenen und sich für einen humanen Umgang mit Menschen in Not einzusetzen. Wer die Möglichkeit habe, könne Kommunen und Kreisen Wohnraum anbieten; wer mobil sei, könne persönliche Begleitung und Unterstützung leisten bei Behördengängen und Schulfragen. Sprachförderung und Freizeitgestaltung seien weitere Optionen. Wer Fremdsprachenkenntnisse besitze, sei ebenso hilfreich wie ein Lehrer, der Deutsch als Fremdsprache anbieten könne.
„Wer das alles nicht kann, weil er alt oder krank oder anderweitig verhindert ist, der kann immer noch Beten – und das ist eine ganze Menge“, sagt Gerrit Schulte. Zum Beispiel das Gebet der Vereinten Nationen: „Herr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden, nicht von Hunger und Furcht gequält, nicht zerrissen in sinnlose Trennung nach Rase, Hautfarbe oder Weltanschauung. Gib uns Mut und die Voraussicht, schon heute mit diesem Werk zu beginnen, damit unsere Kinder und Kindeskinder einst mit Stolz den Namen Mensch tragen.“

Flüchtlingshilfe vor Ort

Dana Shahin arbeitet bei der Caritas in Jordanien. Seit dem Ausbruch des Kriegs in Syrien kümmern sie und ihre Kollegen sich um die vielen Flüchtlinge, die täglich über die Grenze kommen, um in Jordanien Schutz zu suchen. Im Film berichtet sie von der Situation vor Ort.

Weiterführende Informationen

Bild: caritas-international.de

Die Caritas Irak versorgt im Norden des Landes die durch die extremistischen Kämpfer der IS aus ihrem Zuhause vertriebenen Menschen. Besonders dringend benötigen sie Lebensmittel, Wasser, Decken, Medikamente und Hygieneartikel. Um die Hilfsprojekte unterstützen zu können, ruft auch der Caritasverband des Bistums Osnabrück dringend zum Helfen auf: Spenden mit dem Stichwort „Flüchtlingshilfe Irak“ werden erbeten auf das Konto des Caritasverbands für die Diözese Osnabrück: Sparkasse Osnabrück, Kontonummer: 1313, BLZ: 265 501 05; IBAN: DE67 2655 0105 0000 0013 13, BIC: NOLADE22