Gerechtigkeit und Güte

Weinberg Arbeiter mit Eimer in der Hand
Bild: Adobe Stock, JAMES

In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denár für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sah andere auf dem Markt stehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder hinaus und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten, bis hin zu den Ersten! Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denár. Als dann die Ersten kamen, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten einen Denár. Als sie ihn erhielten, murrten sie über den Gutsherrn und sagten: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denár mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin? So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.

Matthäus 20,1-16
rundes Portraitfoto von Eva Schumacher
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Eine Bibelstelle mit Konfliktpotenzial. Man kann schon ärgerlich werden, wenn man sich in die Lage der Arbeiter versetzt, die seit morgens geschuftet haben und am Ende denselben Lohn bekommen, wie die, die nur kurze Zeit gearbeitet haben.
Ist sowas gerecht? Rein sachlich schon: Es gibt den vereinbarten Lohn. Emotional sieht das ganz anders aus.

In einem Gottesdienst besonders für Kinder und Familien haben wir mal die Perspektive gewechselt: Man stelle sich vor, man sei ein Arbeiter vor langer Zeit oder auch heute noch in einigen Ländern. Es gibt keine Festanstellung und keinen Lohn, sondern man verdient genau das, was man sich an diesem Tag eben erarbeitet.
Jetzt steht man also am Marktplatz und hofft auf eine Anstellung für den Tag, denn man muss ja die Familie ernähren. Vielleicht ist man nicht so kräftig gebaut wie andere und so werden erstmal die zum Arbeiten engagiert. Mit jedem Mal, wo ein Gutsherr kommt und andere Arbeiter anwirbt, schwindet die Chance, überhaupt etwas an diesem Tag zu verdienen. Und dann das erlösende Angebot und das ersehnte rettende Geld. Aus dieser Perspektive gelesen schwindet der vorangegangene Ärger, zumindest bei mir, schnell.

Für mich steckt in diesem Evangelium eine wichtige Lehre über Gerechtigkeit und Güte:
Gerechtigkeit heißt: Ich setze mich dafür ein, dass niemand zu kurz kommt.
Güte heißt: Ich gebe etwas von mir, damit ein anderer nicht zu kurz kommt.
Gerechtigkeit fragt: Was steht mir zu?
Güte fragt: Was braucht der andere?

Vielleicht brauchen wir beides: Gerechtigkeit ohne Güte kann hart werden. Güte ohne Gerechtigkeit kann blind werden.
Jesus lädt uns deshalb ein, nicht immer nur darauf zu schauen, was mir fehlt; nicht ständig zu vergleichen; nicht nur zu fragen: Warum bekommt der mehr?
Sondern manchmal einfach zu sagen: Gut, dass du etwas bekommen hast.

Und vielleicht ist das eine der schwierigsten Formen von Güte: Sich darüber freuen zu können, dass es einem anderen gut geht, auch wenn man selbst keinen Vorteil davon hat. Vielleicht beginnt Gottes Reich genau dort, wo wir nicht mehr nur fragen: „Was bekomme ich?“, sondern: „Was kann ich geben?“

Eva Schumacher

Mit ganzem Herzen vertrau auf den Herrn, bau nicht auf eigene Klugheit.

Sprüche 3,5