Gott ist anders
O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege! Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm etwas gegeben, sodass Gott ihm etwas zurückgeben müsste? Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.
Römer 11,33-36
Stellen wir uns vor: Wir hören einen Podcast zu einem bestimmten Thema. Ein oder zwei Experten kreisen um eine Frage, sie argumentieren, deuten und ringen, nehmen viele Perspektiven und Blickwinkel ein – um dann nach 90 Minuten zu dem Schluss zu kommen: Diese Frage übersteigt unser Wissen. Da würden wir uns doch ziemlich veräppelt vorkommen, oder?
Paulus steht am Ende seiner langen Überlegungen über Gott und die Geschichte Israels genau an diesem Punkt. Er hat argumentiert, gedeutet, gerungen. Um daraus zu schließen: Wow, Gott ist so groß, so gewaltig, so anders, dass ich gar nicht viel über ihn sagen kann.

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Paulus sagt am Ende seiner theologischen Überlegungen nicht: Jetzt habe ich Gott verstanden. Sondern: Je länger ich über Gott nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass er größer ist als mein Denken.
Wir können viel über Gott nachdenken, wir können Bilder und Worte finden. Wir können von seiner Liebe, Güte und Nähe sprechen. Aber letztlich bleibt alles, was wir über Gott sagen, immer viel unähnlicher als ähnlich (so hat es das IV. Laterankonzil im 13. Jahrhundert formuliert). Jedes Bild, jeder Satz über Gott bleibt letztlich zu klein. Jede Vorstellung trifft etwas von ihm und verfehlt ihn zugleich.
Wie gerne hätten wir einen Gott, den wir verstehen, einordnen und erklären können? Einen Gott, der in unsere Konzepte passt?
Aber Paulus erinnert uns: Ein Gott, den wir vollständig verstehen, wäre wahrscheinlich nicht Gott, sondern nur ein Gedanke von uns.
Deshalb enden Paulus Überlegungen nicht mit einer Definition, sondern mit einem Gebet. Nicht mit Wissen, sondern mit Vertrauen. Nicht mit Gewissheit, sondern mit Staunen.
Das finde ich erleichternd. Wir müssen Gott nicht begreifen, um an ihn zu glauben. Wir müssen nicht auf jede Frage eine Antwort haben. Es genügt, zu staunen, sich von ihm überraschen zu lassen und anzuerkennen: Gott ist anders. Denn „aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist alles.“
Bernd Overhoff