Gott nahe sein – auch beim Fensterputz

Fensterputz
Bild: unsplash.com, Kevin Grieve

Sind Sie schon einmal Gott begegnet? Das passiert meist nicht mit Blitz und Donner sondern eher im Alltag, irgendwo zwischen Fensterputz und Arbeitsweg. “Man muss offen sein für den Einbruch Gottes in seinen Weg”, sagt Pierre Stutz, Buchautor und Vortragsreisender. Der gebürtige Schweizer und frühere katholische Priester lebt mittlerweile in Osnabrück. Vor einigen Jahren hat er ein Buch über berühmte Mystikerinnen und Mystiker geschrieben: „geborgen und frei“. Das Werk wurde kürzlich neu überarbeitet und ergänzt. Man muss nicht ein Leben auf die große Erleuchtung oder ein Wunder warten – das ist eine der Erfahrungen, die stutz im Buch beschreibt.

Herr Stutz, im Buch erzählen Sie davon, dass Sie sich in einer schweren Lebenskrise mit dem Leben von Mystikerinnen und Mystikern beschäftigten. Braucht es solche Krisen, um ein mystischer Mensch zu werden?

Ich habe im Buch die Geschichte von 63 Mystikerinnen und Mystikern beschrieben. Bei den meisten war irgendwie ein Bruch oder eine Krise. Teresa von Avila ging im Kloster an einem Kreuz vorbei und es war wie eine Erschütterung. Und sie gestand sich ein: Dass ich hier bin, ist sehr berechnend. Ich will mir einen Platz im Himmel sichern. Aus dieser Verunsicherung entwickelte sie ihr Ruhegebet. Liebe und Leiden sind unsere großen Verwandlungskräfte. Es ist leider so, dass sich viele – ich zähle mich da voll dazu – nur durch einen Leidensdruck ändern. Im Buch wollte ich aber bewusst einen Akzent setzen, weil ich mit einer Mystik des Staunens anfange, also mit der Ermutigung, im Dasein diese Segenskraft zu spüren.

Der Untertitel des Buches heißt “Mystik als Lebensstil”. Wie kann das praktisch aussehen?

In der Spiritualität und der Heiligenverehrung wurden immer wieder Menschen wie Meister Eckhart oder Teresa von Avila auf einen Sockel gestellt. Und man denkt sich, man ist da weit weg von ihnen. Aber das können alle. Es gibt das bekannte Wort „Und wäre Jesus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in Dir, Du bleibest ewiglich verloren.“ Wir kennen alle Erfahrungen, wo wir unmittelbar von dieser Liebe Gottes berührt werden können, eben im Schönen und im Schmerz. Und indem ich versuche, das in den Alltag hineinzunehmen, mache ich Mut, dass man nicht ein Leben lang auf eine große Erleuchtung oder ein Wunder wartet.

Aber wie mache ich jetzt diese Gotteserfahrung zwischen Kindererziehung und Fensterputz?

Das eine ist, ich kann hoffen, dass es mir zufällt oder dass es unerwartet geschieht. Und das andere ist, offen zu sein für den Einbruch Gottes in den Alltag. Mit dieser Haltung langsamer zu werden oder das Staunen wieder zu lernen. Es ist eben kein Zufall, dass eine Madeleine Delbrêl „Metro-Meditationen“ oder „Petersilien-Meditation“ schreibt. Und damit wird gesagt: Es ist möglich, auch wenn es nicht einfach ist, gerade heutzutage, wo das Leben mit der Digitalisierung zunehmend schneller wird. Andererseits, einfach war es nie: Teresa hat 17 Klöster gegründet und ist ohne ICE herumgereist.

Pierre Stutz
Pierre Stutz

Kann ich mir vornehmen, ich werde jetzt ein mystischer Mensch oder ist das ein Geschenk Gottes?

Wenn ich Menschen im Gespräch unterstütze, dann mache ich nichts anderes als hellhörig sein, wenn sie von einer Resonanz erzählen. Dass da etwas war. Das kann mitten in der Nacht geschehen, das kann am Hauptbahnhof geschehen. Ich ermutige die Menschen dazu, bewusst einen mystischen Weg zu gehen. Es kommt auf dich an, aber es hängt nicht von dir ab. Aber wenn du dich nur durchhektisieren lässt, dann wird es schwierig. Meine Frage ist: Wie geht es der Mystikerin am Montagmorgen? Ist es im Alltag möglich, mich bewusst auf einen Weg zu machen? Es geht darum zu schauen, wo war ein Moment, in dem ich gemerkt habe, ich bin getragen. Und dann da anzudocken.

Wer an mystische Erfahrung denkt, dem kommen oft Stigmata, Erscheinungen im hellen Licht und ähnliches in den Sinn …

Das ist ja die Tragik. Der Nationalheilige der Schweiz, Niklaus von Flüe, war dafür bekannt, dass er jahrelang nichts gegessen hat. Aber wenn ich mir das jetzt auferzwinge, um ein großer Niklaus von Flüe Nummer zwei zu sein, dann bin ich verloren. Das ist voll die Ego-Ebene. Das ist diese Gefahr der Wundersucht. Ich finde das fatal und gefährlich, weil es am Wesentlichen vorbeigeht. Mystik meint: Komm bei dir an, freu dich über deine Talente, die Gott dir schenkt. Und sei nicht überrascht, dass du auch Macken und Kanten hast, die zu jedem Leben gehören.

Manche finden diese Phänomene gruselig …

Buchcover "geborgen und frei"

Weitere Infos

Ich habe mit Schweizer Humor geschrieben: Über jeder Biografie im Buch müsste stehen „Kann ihre Gesundheit gefährden“. Vor allem in der Leidensmystik ist es grenzwertig. „Das Büchlein der Ewigen Weisheit“ von Heinrich Seuse ist so genial. Aber wenn ich lese, dass er sich die drei Buchstaben IHS (Christusmonogramm, Abkürzung für Jesus) in den Leib hineingebrannt hat, dann möchte ich all seine Bücher wegwerfen. Das zeigt, wie nahe sich Religion und Wahnsinn sind. Ein anderes Zerrbild, das heute Hochkonjunktur hat, ist: Ich gehe jetzt einen mystischen Weg, aber nur ich allein. Die Menschen in meinem Buch hatten alle jemanden, der sie begleitete.

Seinen Begleiter oder seine Begleiterin sollte man aber mit Bedacht wählen, oder?

Ich bin ja ein totaler Fan von Teresa von Avila. Diese bodenständige Spanierin hat immer wieder gesagt: Nein, der kann mich nicht begleiten. Da muss man kritisch sein. Mich haben zum Beispiel diese charismatischen Aufbrüche in den siebziger und achtziger Jahren fasziniert. Dieses Beten mit dem Leib, dass man das in der katholischen Tradition machen kann. Aber ich habe schnell gemerkt, dass da problematische Strukturen dahinterstecken, mit falschen Abhängigkeiten, die spirituellen Missbrauch fördern. Auch in der Mystik sind die Menschenrechte nicht verhandelbar. Aber das kann kein Grund sein zu sagen, es geht nur noch verkopft. Wir sind nicht nur Kopf, wir möchten unsere Sehnsucht leben. Unser Wesen ist angelegt auf Geborgenheit, aber das darf sich nicht in Abhängigkeit verlieren.

Mystik wird immer als sehr innerlich wahrgenommen. Kann Sie Menschen dazu bringen, ihre Umwelt zu verändern?

Ja, natürlich. Viele Mystikerinnen und Mystiker, waren auch aktive Menschen und erhoben ihre Stimme, um Kirche und Gesellschaft zu verändern. Es braucht dazu beides, die innerliche und die strukturelle Veränderung. Wenn ich den ganzen Tag nur höre, dass alles den Bach runtergeht, dann braucht es für mich Kirche und eine Erinnerungskultur an diesen Mann aus Nazareth. Wir müssen uns biblische Hoffnungsgeschichten erzählen und einander ermutigen, sie miteinander zu leben.

Sie sprechen viel von Stille – aber auch von Tanz oder Lebensfreude. Gehört das alles zur Mystik?

Ja, unbedingt. Mystik will ja gerade die Spaltungen überwinden – zwischen Körper und Geist, Alltag und Spiritualität. Tanzen, Musik, Kreativität – das ist alles Teil davon. Tanz ist geradezu interreligiös, denken sie an die tanzenden Derwische. Und wenn man Flamenco sieht, das ist ja auch spirituell. Beim Tanzen ist es ähnlich wie bei der Mystik: Ich kann mich vorbereiten, üben, aber der Moment, in dem ich ganz aufgehe – der liegt nicht mehr in meiner Hand.

Zum Schluss: Mystik wirkt oft ernst, asketisch und freudlos. Welche Rolle spielt Humor?

In der Bibel steht nirgends explizit, dass Jesus gelacht hat. Aber ich kann mir das gar nicht vorstellen, dass er bei so vielen Festen und Hochzeiten war und nicht gelacht und nicht getanzt hat. Humor ist für mich eine große Kraftquelle. Das ist bei mir gewachsen, auch in meinen Vorträgen, dass ich die Leute zum Lachen bringen will. Humor heißt ja, die Kontrolle aufzugeben. Das gehört für mich mit zur Mystik dazu.

Habe ich dir nicht gesagt:
Wenn du glaubst, wirst du
die Herrlichkeit Gottes sehen?

Johannes 11,40
Sommer, Morgen, Sonnenaufgang, Wiese