Ist das noch im Sinne Jesu?
Ich ermahne euch, Schwestern und Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus: Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch; seid vielmehr eines Sinnes und einer Meinung! Es wurde mir nämlich, meine Brüder und Schwestern, von den Leuten der Chloë berichtet, dass es Streitigkeiten unter euch gibt. Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus – ich zu Apóllos – ich zu Kephas – ich zu Christus. Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden? Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden, aber nicht mit gewandten und klugen Worten, damit das Kreuz Christi nicht um seine Kraft gebracht wird.
1 Korinther 1,10-13.17
Wir leben in einer sich schnell verändernden Welt. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass Polarisierungen stärker werden. Menschen berufen sich gerne auf jemanden, der ihnen sagt, wo es langgeht, und halten an bestimmten Dingen und Überzeugungen fest. Beim Lesen des Bibeltextes ist mir das besonders bewusst geworden. In diesem Festhalten liegt die Gefahr eines Schwarz-Weißen-Denkens, der Vorstellung, es gebe nur einen einzigen richtigen Weg.

Hier kommentieren jede Woche Menschen aus dem Bistum Osnabrück eine Bibelstelle aus einer der aktuellen Sonntagslesungen – pointiert, modern und vor allem ganz persönlich.
Haben Sie eine Frage? Eine ganz andere Idee zum Thema? Oder möchten das Bibelfenster als kostenlosen Newsletter abonnieren?
Dann schreiben Sie uns!
An bibelfenster@bistum-os.de
Paulus greift genau das auf. Er ermahnt die Gemeinde in Korinth, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, auf das, worauf es wirklich ankommt. Nicht auf einzelne Personen, nicht auf Gruppierungen oder Schlagworte, sondern auf Christus. Halte ich mich an Jesus fest, habe auch ich etwas, woran ich mich orientiere. Aber Jesu Botschaft und sein Vorbild führen nicht in Enge, sondern in Weite, Freiheit und Liebe – für mich selbst und für die Menschen um mich herum. Alles, was dauerhaft in Streit, Verhärtung und Spaltung führt, kann nicht von Christus kommen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine Spannung geben darf oder dass Unterschiede einfach aufgelöst werden. Christlicher Glaube ist nicht konfliktfrei. Entscheidend ist, dass Spannungen nicht in Spaltung münden. Genau davor warnt Paulus die Gemeinde in Korinth.
Das Evangelium stellt mir eine sehr konkrete Frage: Bin ich bereit, wie Simon und Andreas, Jakobus und Johannes, wirklich aufzubrechen und Jesus zu folgen? Und dieses Zurücklassen meint nicht nur das Materielle. Es meint auch das Denken. Bin ich bereit, meine gewohnten Sichtweisen hinter mir zu lassen, mein Denken hinterfragen zu lassen? Bin ich offen dafür, dass sich etwas verändern darf – etwas, das mich tiefer ins Leben führen will?
Das ist nicht leicht. Denn dann bin ich selbst herausgefordert. Ich stoße auf Gedanken und Meinungen, die mir nicht bewusst waren oder die ich vielleicht lange verdrängt habe. Doch genau solche Menschen ruft Jesus in seine Nachfolge. Menschen, die sich verwandeln lassen. Paulus ist ein starkes Beispiel dafür. Er lässt zu, dass sein Leben völlig neu ausgerichtet wird. Er sagt von sich, dass er gesandt ist, das Evangelium mit brüchigen Worten zu verkünden, damit nicht er selbst im Mittelpunkt steht, sondern das Kreuz Christi seine Kraft behält.
Ja, Menschen können inspirieren. Paulus und viele anderen haben es getan und tun es bis heute. Doch am Ende bleibt die entscheidende Frage: Ist das noch im Sinne Jesu? Oder habe ich mich vielleicht in einer Idee, einer Überzeugung, einer Haltung verrannt? Diese Frage offen zu halten, kann herausfordernd sein. Aber vielleicht ist sie genau der Raum, in dem Nachfolge heute beginnt.
Maria Freitag