Ein Marathon, der Kraft gibt
Gemeinsam unterwegs sein, den Alltag hinter sich lassen, neue Kraft schöpfen: Wallfahrten und Pilgerwege faszinieren auch heute noch viele Menschen. Doch warum ist diese jahrhundertealte Tradition so besonders? Das erzählt die Familie Sieker/Tiemeyer hier. Sie macht bereits seit Jahrzehnten bei der Telgter Wallfahrt mit.
Vorsichtig schiebt Anni Sieker die große grüne Plane ein Stück zur Seite, die den stabilen Ernteanhänger schützt. Mit der Hand klopft sie auf eine Holzkiste vorne auf der Deichsel. „Das ist die Getränkekiste“, erklärt die 89-Jährige mit einem Lächeln. Einmal im Jahr wird sie gebraucht, dann ist ihr Inhalt oft lebenswichtig: Denn die Kiste enthält Erfrischungen für die Pilger der großen Osnabrücker Telgter Wallfahrt. 42 Kilometer legen sie von Kloster Oesede aus zu Fuß zurück. Ein Marathon in acht Stunden.
Seit 75 Jahren begleitet das Treckergespann der Familie Sieker/Tiemeyer aus Kloster Oesede die Wallfahrt, die in Osnabrück startet und der sich unterwegs verschiedene Pilgergruppen anschließen. Insgesamt 24 Trecker und Anhänger verschiedener Wallfahrtsvereine fahren im Schritttempo hinter den Pilgern her, transportieren Rucksäcke, Gepäck, Getränke – und müde Wallfahrer, die auf der langen Strecke eine Pause benötigen.
Stolz zeigt Anni Siekers Tochter Monika Tiemeyer ein altes Schwarz-weiß-Foto. Darauf zu sehen: ihr Vater und ihr Großvater mit einem Pferdegespann. „Hier sitzen sie noch auf dem Kutschbock. Später wurden die Pferde durch Trecker ersetzt“, erzählt sie. Für die Familie aus dem südlichen Osnabrücker Land ist die Teilnahme an der Wallfahrt eine selbstverständliche Familientradition, die sie zurecht stolz macht. Drei Generationen helfen heute mit – von der Oma bis zu den zehn Enkeln. Und wenn es sein muss, setzt sich Anni Sieker mit ihren 89 Jahren auch noch selbst auf den Trecker. „Kloster Oesede“ steht auf ihrem Anhänger, der zurzeit noch gut verpackt in der Scheune steht. Seit 75 Jahren trägt er die Nummer 11.

Mit etwa 5000 Pilgern ist die Osnabrücker Telgter Wallfahrt eine der größten im norddeutschen Raum. Was treibt Menschen auch heute noch an, sich auf diese uralten Wege zu machen, diesen Brauch zu pflegen? „Man wächst damit auf, entwickelt eine Leidenschaft“, erklärt der Vorsitzende des Wallfahrtsvereins Kloster Oesede, Norbert Herkenhoff. Seit seiner Kindheit geht er mit nach Telgte, kann viele Geschichten von der Wallfahrt erzählen. Er sagt: „Ich finde da Kraft, kann abschalten und auch danken für das vergangene Jahr und dafür, dass ich fit dabei sein kann.“ Monika Tiemeyer fasziniert das große Gemeinschaftsgefühl, das sie jedes Jahr auf der Wallfahrt erlebt. „Das ist der Gegenentwurf zur Ellenbogengesellschaft. Hier fragt keiner, wo man herkommt, welche Konfession man hat. Keiner wird liegengelassen, hier gibt es Herzlichkeit, Gemeinschaft, Hilfe“ – unter den Pilgern und Helfern wie auch unter den Treckerfahrern.
Weitere Infos
- Hier erfahren Sie mehr über die Telgter Wallfahrt, die 2026 am 11. und 12. Juli stattfindet.
- Ein Interview mit dem geistlichen Leiter der Telgter Wallfahrt, Domkapitular Martin Schomaker, lesen Sie hier auf der Internetseite des Kirchenboten.
- Mehr zu den Wallfahrten in Bistum Osnabrück und zum Thema Pilgern erfahren Sie hier.
Trotz der guten Erfahrungen und der vielen aktiven Wallfahrtsvereine sinkt die Zahl der Teilnehmer. Das Durchschnittsalter der Pilger liegt bei etwa 50 Jahren, so schätzt Norbert Herkenhoff. Die Frage, wie sich traditionelle Wallfahrten für jüngere Menschen weiter öffnen können, beschäftigt auch die Hauptverantwortlichen. Martin Schomaker, geistlicher Leiter der Telgter Wallfahrt, sieht dabei keinen Widerspruch zwischen Tradition und Moderne: „Wallfahren ist zeitlos, auch wenn der Begriff vielleicht etwas verstaubt ist. Es ist nicht etwas, was mit Mühe am Laufen gehalten wird.“
Seit 174 Jahren pilgern die Osnabrücker nach Telgte. Vieles sei bewusst gleich geblieben: Wege, Zeiten und Abläufe. „Das gibt Orientierung. Die Menschen möchten das so“, so Schomaker. Gleichzeitig habe sich auch vieles verändert, modernisiert: Frauen übernehmen heute selbstverständlich Aufgaben in Liturgie und Verkündigung, moderne Lieder und zeitgemäße Texte ergänzen die Gebetsordnung, und auch Familien mit Kindern würden gezielt eingebunden. Besonders die Gruppe der Radpilger wachse stetig. „Das sind kleine Zeichen dafür, dass sich etwas bewegt“, sagt Schomaker. Was dem Geistlichen dabei ganz wichtig ist: Die Veränderungen kämen nicht von oben, sondern immer von der Basis, von den Ehrenamtlichen: „Die Gruppen entscheiden, wie sich die Wallfahrt verändert. Das ist ein unheimlicher Reichtum.“
