Öffne die Augen!

Person mit Snowboard in der Hand im Skigebiet.
Bild: Adobe Stock / maridav

In jener Zeit sah Jesus unterwegs einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Jesus spuckte auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schilóach! Das heißt übersetzt: der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen.

Johannes 9,1-7

Die Heilung des Blinden im Evangelium vom vierten Fastensonntag fällt in diesem Jahr mit einem ganz besonderen Ereignis zusammen. Heute findet im Stadio Olimpico del Ghiaccio die Abschlussfeier der Paralympischen Winterspiele 2026 statt. Heute feiert die Welt in Cortina d’Ampezzo ein Fest des Sports und der Inklusion. Auch blinde Menschen begeisterten in den vergangenen Tagen bei den alpinen Disziplinen die Welt. Freude bei allen Aktiven. Freut euch, seid fröhlich – das passt in jedem Fall zum heutigen Sonntag. Es ist der Sonntag „Laetare“ – das heißt übersetzt: Freue dich. Die Mitte der Fastenzeit überschritten; das Osterfest rückt näher.

Foto von Gerrit Schulte
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In all die Freude mischt sich beim Hören des Evangeliums aber auch Nachdenklichkeit. „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde?“ Die Frage der Jünger Jesu ist ihrer Zeit geschuldet. Für viele von uns, ist sie heute „aus der Zeit gefallen“. Heute wissen wir: körperliche oder geistige Beeinträchtigungen sind Folgen schwerer Erkrankungen, gehen auf genetische Ursachen, vorgeburtliche Schädigungen oder tragische Unfälle zurück. Jesus weist denn auch die Jünger zurück: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt.“

Mein Blutdruck steigt allerdings, wenn ich höre und sehe: Es ist bis heute schwierig, dieses wohltuende Jesus Wort – diese Absage an den Zusammenhang von Sünde und körperlicher oder seelischer Not – in die Köpfe der Menschen zu bringen. Beeinträchtigte Menschen und ihre Angehörigen erleben immer noch Kränkungen dieser Art. Für mich ist das nichts anderes als ein theologischer Missbrauch menschlichen Leidens. Ganz abgesehen von solchen Erwägungen: Gäbe es diesen Zusammenhang von Schuld und Leid, müssten dann nicht auch in der Umkehrung alle Reichen, Starken und Gesunden richtig gute Menschen sein. Ein einfacher Blick auf die Skala derer, die uns da durch den Kopf gehen, lehrt das Gegenteil. 

Für mich war und ist die Begegnung mit beeinträchtigen Menschen in meinem Zivildienst in einer Einrichtung der Caritas – und in all den Jahrzehnten danach – eine wichtige Erfahrung über Mitmenschlichkeit, Freundschaft, die Würde des Menschen und immer wieder die Freude am Leben. Mir sind die Augen aufgegangen – auch für die Probleme und die besonderen Herausforderungen der beeinträchtigen Menschen und ihrer Angehörigen. Viele fühlen sich bis heute trotz aller Fortschritte von Inklusion, Medizin und rechtlichen Gleichstellungen nicht selten allein gelassen. Dagegen können alle etwas tun.

„Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat.“ Jesus ruft uns im heutigen Evangelium auf, nach seinem Wort zu handeln. Jetzt! Solange es Tag ist. Es folgt im Evangelium eine für uns befremdliche Geste, als er mit seinem Speichel (dem in der Antike gerade bei Augenleiden eine heilende Wirkung zugeschrieben wurde) wie ein Apotheker eine Salbe herstellt und diese dem Blinden auf die Augen streicht. Dann wäscht der Blinde seine Augen mit dem Wasser aus dem Teich Schilóach, und er wird sehend. Er kommt zum Glauben an Jesus Christus, der von sich selbst sagt: Ich bin das Licht der Welt. Der Heilige Augustinus sah in dieser Erzählung ein Abbild der Taufe: Dem Blinden öffnen sich im Wasser der Taufe die Augen für den Glauben.

Sonntag Laetare: Freuen wir uns schon jetzt auf das Osterfest, das Fest des Lebens, wenn die brennende Osterkerze in das Wasser des Taufbrunnens gesenkt wird und uns die Augen aufgehen in der Dunkelheit der Welt für das Licht.

Gerrit Schulte

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben.

Römer 15,13