Raum schaffen
Eines Tages ging Elíscha nach Schunem. Dort lebte eine vornehme Frau, die ihn dringend bat, bei ihr zu essen. Seither kehrte er zum Essen bei ihr ein, sooft er vorbeikam. Sie aber sagte zu ihrem Mann: Ich weiß, dass dieser Mann, der ständig bei uns vorbeikommt, ein heiliger Gottesmann ist. Wir wollen ein kleines, gemauertes Obergemach herrichten und dort ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Leuchter für ihn bereitstellen. Wenn er dann zu uns kommt, kann er sich dorthin zurückziehen. Als Elíscha eines Tages wieder hinkam, ging er in das Obergemach, um dort zu schlafen. Und als er seinen Diener Géhasi fragte, was man für die Frau tun könne, sagte Géhasi: Nun, sie hat keinen Sohn und ihr Mann ist alt. Da befahl er: Ruf sie herein! Er rief sie und sie blieb in der Tür stehen. Darauf versicherte ihr Elíscha: Im nächsten Jahr um diese Zeit wirst du einen Sohn liebkosen.
2 Könige 4, 8–11.14–16a
Die Lesung aus dem Buch der Könige lädt uns ein, über eine einfache, aber tiefgreifende Haltung nachzudenken: Raum schaffen.
Die Frau aus Schunem begegnet einem Fremden. Sie erkennt in ihm einen Mann Gottes und öffnet ihm ihr Haus. Zunächst lädt sie ihn zum Essen ein, später richtet sie sogar ein kleines Zimmer für ihn ein – einen Ort, an dem er jederzeit willkommen ist. Sie handelt ohne Erwartung eines Vorteils. Und doch wird gerade diese Offenheit für sie selbst zum Segen. Was sie schenkt, kehrt in anderer Weise zu ihr zurück. So wirkt Gott oft: Wo Menschen Raum füreinander schaffen, entsteht neues Leben. Wo Türen geöffnet werden, öffnen sich neue Perspektiven.

Diese biblische Geschichte ist erstaunlich aktuell. Wir leben in einer Welt voller Unsicherheit: Kriege, politische Spannungen, wirtschaftliche Sorgen und gesellschaftliche Veränderungen führen dazu, dass Menschen vorsichtiger werden. Oft wächst dabei auch Misstrauen gegenüber dem Fremden.
Doch die Frage bleibt: Wer ist der Fremde heute?
Es kann ein junger Mensch sein, der zum Studium gekommen ist. Eine Familie, die vor Krieg geflohen ist oder Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, um hier zu arbeiten oder seelsorglich zu dienen. Menschen, die nicht nur Hilfe suchen, sondern auch Fähigkeiten und Erfahrungen mitbringen.
Hier kommentieren jede Woche Menschen aus dem Bistum Osnabrück eine Bibelstelle aus einer der aktuellen Sonntagslesungen – pointiert, modern und vor allem ganz persönlich.
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Natürlich braucht jede Gesellschaft Regeln. Aber das Evangelium erinnert uns: Der erste Blick gilt dem Menschen – nicht seiner Herkunft. Die Frau aus Schunem stellt uns deshalb eine einfache Frage: Schaffen wir Raum? In unseren Gemeinden, unseren Nachbarschaften und in unseren Herzen?
Ich habe selbst auf dem Jakobsweg erfahren, was echte Gastfreundschaft bedeutet. Ein Gastgeber hat uns nicht nur beherbergt, sondern uns willkommen geheißen, uns zugehört und mit uns geteilt, was er hatte. Diese Begegnung ist mir bis heute geblieben. Gastfreundschaft schafft Begegnung. Sie schafft Vertrauen und Hoffnung.
Zu den wichtigsten Grundlagen unserer Gesellschaft gehört ein Satz, der am Beginn des Grundgesetzes steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Satz gehört zu den stärksten Formulierungen, die die politische Kultur unseres Landes hervorgebracht hat. Er erinnert daran, dass die Würde eines Menschen nicht von seiner Herkunft, seiner Sprache, seiner Religion, seiner Leistung oder seinem gesellschaftlichen Nutzen abhängt. Gerade deshalb fordert er uns heraus. Denn die Würde des Menschen zu bejahen bedeutet mehr als Toleranz. Sie zeigt sich dort, wo Menschen einander begegnen, zuhören und ernst nehmen.
Sind wir bereit, Menschen, die neu zu uns kommen, nicht nur zu dulden, sondern als Mitmenschen anzunehmen? Erkennen wir die Fähigkeiten, Erfahrungen und Talente, die sie mitbringen? Oder erwarten wir zuerst Anpassung, bevor wir Zugehörigkeit ermöglichen?
„Jeder von uns ist für alle und alles verantwortlich.“
Fjodor Dostojewski
Die Frau aus Schunem begegnet dem Fremden nicht mit Misstrauen, sondern mit Offenheit. Sie sieht zunächst nicht die Unterschiede, sondern den Menschen. Darin liegt ihre Größe. Sie baut ein kleines Zimmer für einen Fremden, eine unscheinbare Geste. Doch gerade dadurch erhält sie selbst einen neuen Raum in ihrem Leben.
Die Frage der Lesung bleibt daher auch uns gestellt: Schaffen wir Raum – für Gott und für den Menschen? Die Erneuerung unserer Gemeinden, unserer Gesellschaft beginnt nicht mit großen Programmen. Sie beginnt dort, wo Menschen bereit sind, einander Raum zu geben.
Wer dem Fremden mit Offenheit begegnet, entdeckt oft mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Wer den Verwundeten wahrnimmt, begegnet der Not unserer Zeit. Die Frau aus Schunem schuf Raum für einen Fremden – und ihr eigenes Leben wurde dadurch reicher. Vielleicht liegt genau darin die Botschaft dieser Lesung: Wo Menschen Raum füreinander schaffen, wächst Hoffnung – und die Welt wird ein Stück menschlicher.
Nijil Chiramal ofm