Segen und Rausch – vom Wein in der Bibel
Im Herbst läuft in Europa wieder die Weinlese, im Jahr 2026 sogar ein bisschen früher als üblich, weil der Sommer so heiß war. Viele freuen sich jetzt schon auf manch edlen Tropfen, der genau wegen des Wetters ein ganz besonderer Jahrgang werden soll. Ein Gläschen in Ehren kann schließlich niemand verwehren, oder? Und das Warten darauf ist eine eine gute Gelegenheit, um zu fragen: Was erzählt uns die Bibel über den Wein?
Antworten auf diese Frage liefert hier Silke Klemm, Gemeindereferentin, Bibliologin und Bibliologtrainerin im Bistum Osnabrück:
Von Lebensfreude und Gottes Segen
In der Bibel taucht das Stichwort Wein fast 250 Mal auf. Er steht für Segen, Gastfreundschaft, Gemeinschaft, Heilung und Hoffnung. Schon im Alten Testament gilt Wein als Geschenk Gottes. In Psalm 104,15 heißt es, Gott lasse Pflanzen wachsen, „damit der Wein das Herz des Menschen erfreue“ – ganz klar ein Symbol für Lebensfreude und Dankbarkeit. Auch das Buch der Sprüche ermutigt uns: „Kommt, esst euch satt, und trinkt meinen guten Wein!“ (Spr 9,5). Und Kohelet regt an, Brot und Wein mit Freude zu genießen, weil sie Ausdruck der guten Gaben Gottes sind (Koh 9,7).
Jesus und der Wein
Klar, heute diskutieren wir oft über die Schattenseiten von Alkohol und auch zu Jesu Zeiten gingen die Meinungen auseinander. Johannes der Täufer zum Beispiel trank bewusst keinen Alkohol. Jesus dagegen hat den Wein genossen – und das blieb nicht unbemerkt: „Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt; so sagt ihr: Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder!“ (Lk 7,34 / Mt 11,19). Spannend, dass solche harten Schimpfworte in den Evangelien überliefert sind.
Jesus fastete zwar zeitweise, konnte aber auch feiern und genießen, wie er es bei der berühmten Hochzeit zu Kana bewiesen hat (Joh 2,1-11).
Als dort der Wein ausgeht und das Fest zu platzen droht, vollbringt Jesus sein erstes Wunder: Er verwandelt Wasser in Wein. Und nicht nur ein wenig, sondern gleich mehrere hundert Liter. Der Speisemeister, der von allem nichts mitbekommen hat, staunt: „Du hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten“, sagt er zum Bräutigam – denn üblich ist es, zuerst den guten Wein zu servieren. Die Botschaft dahinter: Gott schenkt Fülle, wo wir an unsere Grenzen stoßen, und macht aus Leere pure Lebensfreude.
Genießen, aber mit Köpfchen
Die Bibel blendet die Risiken von Alkohol keineswegs aus. Vor Maßlosigkeit wird mehrfach gewarnt: „Der Wein macht zum Spötter“, heißt es im Buch der Sprüche (Spr 20,1). Und Paulus mahnt: „Berauscht euch nicht mit Wein, sondern werdet voll Geistes“ (Eph 5,18). Es geht also nicht um strikte Askese, sondern um verantwortungsvollen Genuss mit Maß und Verstand.
Mehr als nur ein Getränk
Der Wein taucht noch in ganz anderen spannenden Zusammenhängen auf:
- Der Weinstock: Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ (Joh 15,5). Das erinnert daran, dass der Mensch aus seiner Verbindung zu Gott lebt. Wer mit ihm verbunden bleibt, bringt Frucht – ganz ohne Krampf und Stress.
- Das Heilmittel: Der barmherzige Samariter gießt Wein in die Wunden des Überfallenen, um sie zu reinigen und zu lindern (Lk 10,34). Und Paulus rät seinem Mitarbeiter Timotheus: „Trink nicht mehr nur Wasser, sondern nimm ein wenig Wein dazu um deines Magens willen“ (1 Tim 5,23). Gott kümmert sich nicht nur um unsere geistlichen Bedürfnisse, sondern auch um unsere körperlichen Leiden.
- Der Ausblick: Der Prophet Jesaja beschreibt die Vollendung der Welt als großes Festmahl für alle Völker, bei dem ein „Mahl von reinem Wein“ bereitet wird (Jes 25,6). Ein starkes Symbol für die Hoffnung und Gemeinschaft mit Gott.
Wein ist in der Bibel also viel mehr als nur ein Getränk. Er ist Symbol für Gottes Segen, für Lebensfreude und Gemeinschaft, für Heilung und Verantwortung sowie für die Hoffnung auf das große Fest des Lebens bei Gott. Gerade deshalb hat er bis heute einen festen Platz in der christlichen Tradition und insbesondere in der Feier der Eucharistie.
Und er erinnert uns an etwas Wichtiges: Gutes braucht seine Zeit zum Reifen. So wie die Trauben am Weinstock wachsen, so wächst auch unser Leben in Gottes Hand. Nicht alles muss sofort gelingen – Gott wirkt oft still und verborgen, aber er führt zur Frucht.
Wer mit dem Weinstock verbunden bleibt, darf darauf vertrauen, dass Gott Wachstum schenkt, Hoffnung stärkt und Leben gelingen lässt.
Silke Klemm, Gemeindereferentin, Bibliologin/Bibliologtrainerin