Sich kümmern in der Großstadt

Stadtführung
Hildegard Rickermann in der auch für sie ungewohnten Rolle als Stadtführerin. Bild: Kirchenbote

Auf Menschen zugehen können, Freude am Glauben wecken und in Lebenskrisen helfen  – als Pastoralreferentin in Bremen mit Schwerpunkt Familienpastoral ist Hildegard Rickermann ganz schön gefordert. Manchmal lässt sie sogar Puppen tanzen oder wird zur Stadtführerin.

Nach 18 Jahren Großstadtleben gibt es tatsächlich noch Dinge, über die Hildegard Rickermann sagen kann: „Das ist neu für mich.“ Eine solche Premiere wartet auf sie an einem sonnigen Samstag im Juli: Für einen christlichen Streifzug durch Bremen, angeboten vom AtriumKirche, dem Informations- und Seelsorgezentrum des Katholischen Gemeindeverbandes, schlüpft Rickermann in die Rolle einer Stadtführerin.

Die Pastoralreferentin kommt mit dem Rad. Zunächst geht‘s zur Propsteikirche St. Johann. Vor der Kirche heißt es: Kopf in den Nacken. „Erkennen Sie, was sich direkt unter dem Kreuz befindet?“, fragt Rickermann. Kurzes Blinzeln. „Ein Stern“, antwortet ein Junge, der mit seiner Tante an der Führung teilnimmt. Richtig. Der Davidstern. „Jesus war Jude. Ich finde es schön, dass dieses Symbol auf die Wurzeln unseres Glaubens hinweist“, sagt Hildegard Rickermann. Eine weitere Station ist die Jakobusstatue am Geschichtenhaus im Schnoorviertel. Einst war das Haus eine Herberge für Pilger aus dem Norden, die zu Fuß unterwegs waren, um nach Santiago de Compostela zu kommen – zum Grab des Apostels Jakobus. Die Pastoralreferentin greift in ihre Tasche und verteilt Muscheln, stellvertretend für die Jakobsmuschel – die Große Pilgermuschel. Letzte Station ist die vorreformatorische Martinikirche. Vor jeder großen Fahrt, erklärt Rickermann, gingen Kapitän und Mannschaft in das Gotteshaus und beteten um eine glückliche Heimkehr. Die geführte Gruppe geht zufrieden auseinander, und Hildegard Rickermann macht erst mal eine Pause.

Sie lässt die Puppen tanzen

Ob Stadtführung, Kinderfreizeit oder Beratungsstelle: Über eintönige Arbeit kann sich Hildegard Rickermann nicht beschweren. Für viele Menschen hat die Pastoralreferentin bei ihrer Arbeit in der Familienpastoral ein offenes Ohr. Bild: Kirchenbote

18 Jahre Bremen, 18 Jahre Großstadtpastoral. Nein, berufsmüde sei sie noch lange nicht, betont die 51-Jährige. Auch wenn es mitunter mühsam sein kann, Glaubensfreude zu wecken und für kirchliche Arbeit zu begeistern. „Manchmal ist es etwas zäh“, sagt sie und gibt zu, dass ihr Überredungskünste nicht so liegen, wenn sich mal wieder niemand in eine Vorbereitungsliste eingetragen hat. Hildegard Rickermann, gebürtig aus Lähden im Emsland, ist in der Bremer Pfarrei St. Katharina von Siena tätig. Ihr Schwerpunkt: Familienpastoral. Und das, betont sie, mache ihr richtig Spaß. Alle 14 Tage besucht sie zum Beispiel die beiden Kindergärten der Pfarrei, singt, betet – und lässt die Puppen tanzen. Das heißt: Sie bringt den Kleinen mit Erzählfiguren biblische Geschichten nahe. Diese speziellen Figuren haben kein Gesicht. Gefühle werden durch Körpersprache ausgedrückt. Ein Erfolgsmodell, denn oft fragen die Kita-Kinder schon ungeduldig: „Wann machst du das wieder mit uns – das mit Gott?“ Rickermann schmunzelt. „Wir kennen und vertrauen uns, das macht ein gutes Stück Arbeitsqualität aus.“

Biblische Geschichten, der Kirchenraum und die Feste des Kirchenjahres spielen auch in der „Kinderkirche“ mit den Zweitklässlern eine Rolle. Und auch die Tauf- und die Kommunionvorbereitung gehören zu Rickermanns Aufgaben. Familienorientiert sollen die Angebote sein, das ist ihr wichtig. „Meistens lassen sich die Eltern darauf ein und wirken gerne aktiv mit, schließlich wollen sie das Beste für ihr Kind.“ Und dann erzählt sie von kleinen Begebenheiten – mit leuchtenden Augen, weil sie eben nicht alltäglich sind: von einer Mutter, die nicht nur die Messdienerarbeit organisiert, sondern auch die Kinderfreizeit, die lange brachlag, wiederbelebt hat.

Diese vielen nicht alltäglichen Begebenheiten

Von einer anderen Mutter, die in der Bremer Kunsthalle arbeitet und Kinder auf besondere Weise mit christlicher Kunst vertraut gemacht hat. „Herausgekommen ist ein tolles Gemälde für unsere Pfarrei.“ In ihrem Beruf muss man sich auf Menschen einlassen können, ihnen zuhören können. Diese Fähigkeiten kommen der Theologin auch in der psychologischen Beratungsstelle „Offene Tür“ zugute. Dort begleitet sie Menschen, bei denen es in Partnerschaft und Familie kriselt, die einsam sind.

Auf dem Programm steht natürlich auch die Arbeit mit Kindern. Bild: Kirchenbote

Wen genau erreicht sie mit dem offenen Gesprächsangebot? Zum Beispiel eine Frau, 60 Jahre alt, die sich nach rund 40 Ehejahren fragt, was sie eigentlich noch mit ihrem Mann verbindet. Oder ein junges Paar mit drei Kindern, das sich im Alltag aufgerieben hatte und sich trennen wollte. Hilfe sucht aber auch eine junge Frau, die unter Depressionen leidet, oder ein junger Mann, dessen berufliche Zukunft unsicher ist und der in einer schwierigen Partnerschaft steckt. Menschen (wieder) ins Gespräch zu bringen, viele Biografien und Lebensleistungen kennenzulernen und selbst dazuzulernen – „dafür bin ich dankbar“, sagt Hildegard Rickermann. „Das lehrt mich auch ein Stück Demut und Respekt.“