Vom Lassen als Kunstform

Mann mit Sonnenbrille liegt auf Wiese
Bild: unsplash.com, Sander Smeekes

Für viele ist sie schnell wieder vorbei: die Urlaubzeit. Sich erholen, abschalten, zu Atem kommen – all das wird im Alltag wieder schwieriger. In der täglichen Hektik geht die Gelassenheit langer Ferientage schnell verloren. Schade, denn in unserer sich rasant beschleunigenden Lebenswirklichkeit ist das christliche Prinzip der Gelassenheit doch eigentlich ein sehr empfehlenswertes!

Christliches Prinzip? Ja! Sprachlich leitet sich das Wort vom mittelhochdeutschen Wort „Gottergebenheit“ ab – als Erfinder der Gelassenheit gilt Forschern der christliche Theologe und Mystiker Meister Eckhart. „Man muss erst lassen können, um gelassen zu sein“, soll er gesagt haben – und meinte damit nicht nur eine entspannte Einstellung zum Leben, sondern auch eine beruhigende Nähe zu Gott.

Gelassenheit nach Meister Eckhart

Meister Eckhart wurde 1260 in Thüringen als Sohn eines Ritters geboren und trat mit 15 Jahren in Erfurt in den Dominikanerorden ein. Schon früh in seinem Leben ließ er also alles Weltliche zurück, um sich ganz seinem Glauben zu widmen und damit Gott so nah wie möglich zu kommen.

Füße in der Hängematte
Wer alles lässt, kann Gott in sein Herz lassen. Bild: unsplash.com, Nicole Harrington

Er war davon überzeugt, dass man Gott nicht in der Ferne des Himmels, sondern in sich selbst suchen müsse; dass Gott in jedem Menschen wohnt, aber dass wir zu sehr mit uns selbst und unseren weltlichen Belangen befasst sind, um ihm zu begegnen: „Gott ist immer in uns, nur sind wir so selten zuhause“, soll er in einer seiner Lehrreden gesagt haben.

Gelassenheit in Perfektion

Um Gott zu finden, empfahl Meister Eckhart, die Gelassenheit zu perfektionieren, also quasi das Lassen an sich zur Kunstform zu erheben. Das mag sich zunächst nach einer abgehobenen theologischen Theorie anhören, lässt sich aber auch heute noch gut auf unsere Lebenswirklichkeit übertragen: Gelassen gegenüber den Aufregungen des Alltags bleiben. Andere Menschen so sein lassen, wie sie sind. Sogar Gott „sein lassen“, ihn also nicht suchen, sondern darauf vertrauen, dass er bei uns ist – all das kann dabei helfen, in jeder Situation die Ruhe zu bewahren.

Bild: Bistum Osnabrück
  • Das Zukunftsgespräch 2015/16 im Bistum Osnabrück stand unter dem Leitwort „Damit sie zu Atem kommen“ (Ex 23,12). Es beschäftigte sich unter anderem mit den Fragen, wie man im Alltag und im Glauben zu Atem kommen und was man dafür tun und lassen kann. Mehr dazu gibt es hier.

Der US-amerikanischer Theologe Reinhold Niebuhr fasste diese Erkenntnis Mitte des 20. Jahrhunderts in einem berühmten Gebet zusammen: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“, so die in Deutschland bekannte Version. Das Gebet geht aber noch weiter: „Wie Jesus, diese sündige Welt annehmend, wie sie ist, nicht, wie ich sie gerne hätte, im Vertrauen darauf, dass Du am Ende alles zum Guten wenden wirst.“ Wer darauf baut, der kann wahrhaftig gelassen sein.

Mehr zu Meister Eckhart und den Spuren, die er in unserem Alltag hinterlassen hat, sehen Sie hier im Video:

 

Achtung! Dieses Video kann Spuren von Gelassenheit enthalten …

In dieser Folge unserer Videoserie „Achtung! Kann Spuren von Glauben enthalten“ hat sich Urs von Wulfen ganz gelassen mit Meister Eckhart beschäftigt: