Unterwegs zur Wahrheit

Füße von Menschen unterwegs
Bild: AdobeStock.com, Ahmad Triwahyuutomo

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich. Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Matthäus 5,17-20

Oft hören wir im kirchlichen Kontext Sätze wie: „Wir sind unterwegs“ oder „Als Menschen auf dieser Erde haben wir die Vollkommenheit noch nicht erreicht.“ Diese Gedanken können uns helfen, die ersten vier Verse des heutigen Evangeliums besser zu verstehen. Sie stammen aus der Bergpredigt im Matthäusevangelium – und gelten laut Angelika Strotmann als „die schwierigsten im Matthäusevangelium“.

Roberto Piani
Roberto Piani
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Jeder Mensch – und auch jede Christin und jeder Christ – ist auf dem Weg zur Vollkommenheit. Unser Glaube und seine konkrete Gestalt im Alltag bleiben ein Suchen, ein Lernen, ein Reifen. Auch die Kirche versteht sich seit ihren Anfängen als pilgerndes Volk Gottes: Unterwegs zur Wahrheit, die wir nie vollständig besitzen, sondern immer neu entdecken dürfen.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie Jesus seine Sendung beschreibt: Er ist nicht gekommen, um das Gesetz und die Weisungen Gottes – die Tora – aufzulösen, sondern um sie zu erfüllen. „Erfüllen“ meint hier nicht einfach das Eintreffen einzelner Weissagungen. Es bedeutet vielmehr, dass die Tora Wirklichkeit wird – dass Gottes Weisung „Fleisch annimmt“, sich im konkreten Handeln, in der Haltung und Lebenspraxis verwirklicht.

Was das heißt, zeigen die folgenden Beispiele der Bergpredigt: Versöhnung mit dem Bruder, der Schwester, mit Nachbarn, Freunden oder Kolleginnen ist wichtiger als die bloße Teilnahme am Gottesdienst: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe!“ (Mt 5,23-24).
Es geht nicht um die Abschaffung religiöser Praxis, sondern um ihre Vertiefung – um die innere Stimmigkeit von Glauben und Leben.

Gerade in einer Zeit, in der sich leicht jede und jeder selbst zum Maßstab macht, wirkt diese Haltung Jesu überraschend aktuell. Es geht darum, Gottes Weisung als Ganzes ernst zu nehmen und sich – wie der Theologe Dieter Schellong schreibt – „nicht aus Überheblichkeit oder Nachlässigkeit mit einer ungefähren Wahrnehmung von Wortlaut und Sinn zufrieden“ zu geben. 

Jesu Auslegung der Tora führt nicht in Enge, sondern in eine größere Radikalität der Liebe – und damit auf einen Weg, der uns alle weiterführt.

Roberto Piani

Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.

Psalm 23,2

Picknic, Fahrrad, Wiese