„Wir leben aus der Hoffnung!“

Hoffnung auf einen gerechten Frieden: Bei einem Gottesdienst im Osnabrücker Dom anlässlich ein Jahr Krieg in der Ukraine legten Teilnehmende mit Lichtern eine Friedenstaube.
Hoffnung auf einen gerechten Frieden: Bei einem Gottesdienst im Osnabrücker Dom anlässlich des ersten Jahrestags des Kriegs in der Ukraine legten Teilnehmende mit Lichtern eine Friedenstaube. Bild: Bistum Osnabrück

Der Krieg in der Ukraine tobt seit vier Jahren: am 24. Februar 2022 begann die russische Armee mit der Vollinvasion auf das Nachbarland. Seither verloren hunderttausende ihr Leben, viele andere flohen gen Westen. Auch in Osnabrück gibt es eine große Gemeinde der ukrainisch griechisch-katholischen Kirche. Wie es den Menschen geht, erzählt Pastor Nazariy Yasinoskyy.

Wie geht es den Menschen in der ukrainisch griechisch-katholischen Gemeinde in Osnabrück?

Der Krieg dauert nun vier Jahre und das spüren wir jeden Tag. Viele Menschen in unserer Gemeinde sind weiterhin in großer Sorge um ihre Angehörigen in der Ukraine. Manche haben Väter, Söhne oder Brüder an der Front. Andere haben ihr Zuhause verloren – ihre Wohnungen wurden zerstört, sind unbewohnbar geworden oder befinden sich in den besetzten Gebieten. Viele wissen nicht, ob und wann sie jemals in ihr eigenes Haus zurückkehren können.

Es geht also nicht nur um die Sorge um geliebte Menschen, sondern auch um den Verlust von Heimat, Eigentum und Zukunftsplänen.

Gleichzeitig erleben wir hier viel Solidarität und Unterstützung. Unsere Gemeinde ist zu einem Ort des Gebets, der Begegnung, des gegenseitigen Trostes geworden – ein Stück Heimat. Als Kirchengemeinde fühlen wir uns sehr getragen – vom Bistum Osnabrück, von unserer Apostolischen Exarchie (Diözese einer Ostkirche in der Diaspora) und von vielen Gemeinden vor Ort. Diese Verbundenheit stärkt uns sehr und hilft uns natürlich! Der Schmerz ist da – aber ebenso spüren wir großen Zusammenhalt, tiefe Verbundenheit und viel Liebe.

Was bekommen die Geflüchteten aus der Ukraine hier in Deutschland vom Winter in ihrem Heimatland mit?

Auch wenn wir hier in Sicherheit leben, bleiben wir innerlich sehr eng mit unserer Heimat verbunden. Wenn in der Ukraine Strom- und Heizwerke zerstört werden und Menschen bei minus 20 Grad ohne stabile Energieversorgung leben müssen, trifft uns das sehr. Wir versuchen auf jede mögliche Weise, unsere Angehörigen und unsere Landsleute in der Ukraine zu unterstützen.

Weitere Infos

  • Hier geht es zur Internetseite der ukrainisch griechisch-katholischen Gemeinden in Osnabrück.
  • Wer für die von den Folgen des Krieges in der Ukraine betroffenen Menschen spenden möchte, kann dies über die Hilfswerke Caritas international oder Renovabis tun.
  • Der Kirchenbote schreibt hier über eine Familie, die vor vier Jahren aus der Ukraine geflüchtet ist und jetzt in Belm ein neues Zuhause gefunden hat.
  • Im Osnabrücker Dom ist ab dem 4. März eine Ausstellung zu sehen, in der Schicksale von im Krieg getöteten Kindern beschrieben werden. Die Eröffnung findet mit einem Gottesdienst um 18 Uhr statt. Zu sehen ist die Ausstellung dann bis 22. März 2026. Detaillierte Infos dazu gibt es hier.

Viele telefonieren täglich mit ihren Familien und hören von Stromausfällen, kalten Wohnungen und großer Unsicherheit. Besonders Kinder und ältere Menschen leiden unter diesen Bedingungen. In vielen Regionen sitzen die Menschen bei dieser Kälte mehrere Stunden oder sogar tagelang ohne Strom und Heizung. Es gibt leider immer wieder Situationen, in denen Menschen durch die extreme Kälte gesundheitlich sehr schwer betroffen sind. Manche improvisieren – sie richten kleine beheizte Räume ein oder versuchen mit provisorischen Mitteln, wenigstens etwas Wärme zu schaffen.

Wir sammeln weiterhin Spenden und organisieren Hilfe – besonders im Winter in Form von Generatoren, warmer Kleidung und finanzieller Unterstützung.

Bleiben die Menschen hier in Deutschland oder wollen sie zurück?

Am Anfang saßen viele auf gepackten Koffern. Die Hoffnung war groß, bald wieder nach Hause zurückkehren zu können. Heute ist der Blick auf die Situation realistischer geworden. Manche hoffen weiterhin auf eine baldige Rückkehr. Andere beginnen, sich hier ein neues Leben aufzubauen – Studierende, die ihr Studium fortsetzen, und besonders Familien mit Kindern, die hier zur Schule gehen oder den Kindergarten besuchen. Mit der Zeit entstehen neue Strukturen, neue Kontakte und eine gewisse Stabilität.

„Es ist ein Leben zwischen zwei Welten“, sagt Nazariy Yasinovskyy, Pastor der ukrainisch griechisch-katholischen Gemeinde in Osnabrück

Für viele Menschen ist die Perspektive einer Rückkehr sehr unsicher oder kaum noch vorstellbar. Sie haben ihr Zuhause verloren – wissen nicht einmal, ob es noch existiert.

Es ist oft ein Leben zwischen zwei Welten: Das Herz bleibt in der Ukraine, aber der Alltag findet hier statt. Diese innere Zerrissenheit ist für viele Menschen eine große seelische Belastung.

Wie empfinden sie die Integrationsangebote, die den Menschen aus der Ukraine gemacht wurden?

Wir sind sehr dankbar für die große Hilfsbereitschaft in Deutschland – besonders hier in Osnabrück. Integrationsangebote wie Sprachkurse, Beratungsstellen, Unterstützung bei Behördengängen sowie Programme zur beruflichen Orientierung waren für viele unserer Gemeindemitglieder sehr wichtig. Auch soziale Unterstützungsangebote durch Wohlfahrtsverbände und ehrenamtliche Initiativen haben den Menschen geholfen, in einer schwierigen Situation Stabilität zu finden und den Alltag zu bewältigen.

Natürlich bringt ein Neuanfang in einem anderen Land immer Herausforderungen mit sich. Aber insgesamt fühlen wir uns hier willkommen, ernst genommen, unterstützt – und vor allem in Sicherheit.

Weitere Infos

Die ukrainisch griechisch-katholische Kirche ist die größte katholische Ostkirche eigenen Rechtes. Sie gehört zu den Kirchen des byzantinischen Ritus, welche in vollkommener Kommuniongemeinschaft mit dem Papst von Rom stehen und dessen geistliche und jurisdiktionelle Vollmacht anerkennen. Die Bezeichnung griechisch-katholische Kirche führte 1774 die österreichische Kaiserin Maria-Teresia ein, um die Kirche von der römisch-katholischen und der armenisch-katholischen zu unterscheiden. Weitere Infos gibt es auch hier im Internet.

Haben viele ihrer Gemeindemitglieder schon eine Arbeit gefunden?

Ja, ein großer Teil – in Krankenhäusern, Schulen, bei den Stadtwerken, in Betrieben und Fabriken, im handwerklichen oder pflegerischen Bereich, bei der Post oder im Dienstleistungssektor. Viele sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv einzubringen.

Aber es ist nicht einfach. Deutsche Sprachkenntnisse spielen eine große Rolle, ebenso die Anerkennung von Berufsabschlüssen. Diese Verfahren dauern oft sehr lange. Leider können viele derzeit nicht in ihrem erlernten Beruf arbeiten und übernehmen deshalb andere Tätigkeiten.

Was sind die Haupthindernisse für eine Integration?

Die größten Hindernisse sind die Sprache, die Anerkennung von Abschlüssen und manchmal auch die seelische Belastung durch die Erfahrungen des Krieges. Denn viele Menschen mussten praktisch ihr ganzes Leben verändern – ihr Land, ihre Stadt, ihr Zuhause, ihr gewohntes Umfeld, die Sprache und ihre gesamte Lebensweise.

Viele tragen traumatische Erinnerungen in sich. Das erschwert es, sofort voll leistungsfähig, innerlich stabil und vollständig integriert zu sein.

Wie blicken Sie und Ihre Gemeinde in die Zukunft?

Wir leben aus der Hoffnung!

Als Christen glauben wir, dass das letzte Wort nicht dem Krieg gehört, sondern Gott. Unsere Kirchengemeinde möchte weiterhin ein Ort der Hoffnung, Hilfe und Unterstützung sein – für die Menschen hier in Osnabrück und Umgebung. Wir beten für Frieden und helfen ganz konkret – mit Zeit, mit Engagement und mit praktischer Unterstützung.

Gleichzeitig wissen wir, dass der Weg nicht leicht sein wird. Viele Menschen stehen vor persönlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Aber wir vertrauen darauf, dass Gott auch in schwierigen Zeiten wirkt. Wo der Mensch mit Gott verbunden bleibt, hat die Dunkelheit nicht das letzte Wort. Gerade in den vergangenen Jahren verstehen wir neu und tiefer, was Jesus Christus mit der Liebe zum Nächsten meint. Jede helfende Geste, jede warme Wohnung, jede ausgestreckte Hand und jedes gemeinsame Gebet sind eine lebendige Antwort auf dieses Gebot der Liebe.

Die Ukraine steht heute an einer Frontlinie – nicht nur geografisch, sondern auch im Ringen um Werte wie Freiheit, Wahrheit und Menschenwürde. In dieser schweren Zeit ist die Einheit besonders wichtig – zwischen den Ukrainern, zwischen den Völkern Europas und unter allen, die einen gerechten Frieden suchen. Und gerade in dieser Zeit klingt das Wort Gottes umso kraftvoller: „Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“

Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.

Psalm 23,2

Picknic, Fahrrad, Wiese