Aussichtsloser Neuanfang
So spricht Gott, der Herr: Siehe, ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zum Ackerboden Israels. Und ihr werdet erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber öffne
Ezéchiel 37,12b-14
und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole. Ich gebe meinen Geist in euch, dann werdet ihr lebendig und ich versetze euch wieder auf euren Ackerboden. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich habe gesprochen und ich führe es aus – Spruch des Herrn.
Bei uns auf der Terrasse steht eine Metallwanne, in der wir im letzten Frühjahr Kräuter gepflanzt haben: Pfefferminz, Basilikum, Petersilie und Schnittlauch. Im Sommer hatten wir unsere Freude daran. Dann kam der Herbst und hat die Kräuter ertränkt. Nur noch schwarze Stängel sind übrig geblieben, im langen Winter stand eine dicke Eisschicht rund um das Gerippe und eigentlich wollte ich das tote Zeug längst entsorgen. Als ich aber vor ein paar Tagen an diesem Elend vorbei gegangen bin, traute ich meinen Augen kaum: ein winzig kleiner grüner Spross. Ich staunte, hätte wirklich nicht gedacht, dass in unseren Kräutern noch Leben steckt!

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So ähnlich beschreibt der Prophet Ezéchiel die Lage Israels im Exil. Auch dort sieht es nach Totalverlust aus: Land weg, Hoffnung weg, Zukunft weg. Alles wirkt kaputt gefroren wie in unserer Kräuterwanne im Winter. Und genau in eine solche Eiszeit prophezeit Ezechiel den Frühling, den Gott seinem Volk im Exil schenken will: „Ich hole euch aus euren Gräbern heraus und setze euch auf nährreichen Ackerboden.“
Das, was auf den ersten Blick aussichtslos, tot und endgültig aussieht, ist für Gott nicht das Ende. Er schenkt uns immer wieder die Chance auf einen Neuanfang.
Auch ich kenne Situationen in meinem Leben, die sich wir Gräber anfühlen: eine festgefahrene Freundschaft, eine Entscheidung, bei der ich den Eindruck habe, ich kann nur zwischen Pest und Cholera wählen oder Schuldgefühle, die mich runterdrücken.
Und auch hier gilt die Zusage Gottes: „Ich hole dich aus deinen Gräbern, ich öffne dir neue Wege. Du darfst neu anfangen.“
Das Entscheidende dabei: Der Neuanfang hängt nicht daran, dass ich stark genug bin. Der Neuanfang beginnt damit, dass Gott mich ansieht, anspricht und belebt.
Gott schenkt uns immer wieder die Chance auf einen Neuanfang – wie dieser kleine grüne Spross in unserer Kräuterwanne. Fast hätte ich ihn übersehen.
Bernd Overhoff