Christlich wählen vor Ort

Wohnen, Verkehr, Kinderbetreuung, Freizeitangebote und die Müllabfuhr – das sind nur einige der Themen, um die es bei der Kommunalwahl in Niedersachsen am 13. September geht. Denn bei dieser Wahl wird darüber abgestimmt, welche Parteien in den kommenden fünf Jahren über die Politik vor Ort entscheiden.

Warum es aus christlicher Sicht wichtig ist, jetzt wählen zu gehen, dazu gibt es auf dieser Seite Orientierung von einigen Mitgliedern des Netzwerks Demokratie und Menschenwürde im Bistum Osnabrück.

Fabian Schweer
Fabian Schweer

In den Orientierungspunkten des Bistums für eine künftige Kirche steht zu meiner großen Freude: „Wir wirken in der Gesellschaft“ – auf Grundlage unserer christlichen Werte wollen wir am Gemeinwohl mitarbeiten, Bedürfnisse hören und (kulturelle) Vielfalt fördern. Eine künftige Kirche hat die komplexe Aufgabe, in Zeiten, in denen rechtsextreme Ideologien, simplifizierte Weltbilder und offener Rassismus in immer größerer Zahl Einzug in die Parlamente halten, für eine bunte, solidarische und demokratische Gesellschaft einzutreten. Dieser Auftrag zum Erhalt und zur Gestaltung einer solchen Gesellschaft, mit der Menschenwürde als Fundament, hat für mich als Christen Konsequenzen in diversen Lebensbereichen. Aktuell auch oder eben gerade an der Wahlurne.

Fabian Schweer, Leiter des Diözesanjugendamts im Bistum Osnabrück

Portrait Johanna Dransmann
Johanna Dransmann

Ich wähle gerne, denn bei der Kommunalwahl geht es um meine konkrete Lebenswelt – Schulen, Turnhallen, Trinkwasser usw.
Wichtig aus christlicher Sicht ist mir dabei der Vorrang des Gemeinwohls vor dem Eigennutz. Ich wähle keine Person oder Partei, die mir selbst den größtmöglichen Vorteil verschafft, sondern jemanden, den die Option für die Schwachen leitet – wie es bereits die zehn Gebote vorgeben. Christlich-jüdisch ist außerdem meine Hoffnung auf Gerechtigkeit. Die Hoffnung, dass sich nicht das Recht des Stärkeren durchsetzt. Diese Wünsche verwirklichen sich nur, wenn auch ich Verantwortung für das Gelingen von Gemeinschaft übernehme. Das Kreuz auf dem Zettel reicht nicht – ich muss auch selbst so handeln und versuchen, diese gesellschaftliche Utopie umzusetzen.

Johanna Dransmann, Referentin im Bereich Religionsunterricht der Schulstiftung im Bistums Osnabrück

Domkapitular Ulrich Beckwermert
Domkapitular Ulrich Beckwermert

Seit Jahren pflege ich enge Kontakte zu den Gedenkstätten in Stadt und Landkreis. Dort wird an die Verbrechen der Nationalsozialisten in Deutschland erinnert. Mir berichtete ein Mitarbeiter, der regelmäßig im Gestapokeller Osnabrück Aufsicht führt, dass Besucherinnen und Besucher dort mit einer Formulierung auffallen, die früher viel seltener zu hören war. „Hoffentlich kommt das nicht wieder!“, sagen in letzter Zeit auffällig viele, die sich die Bilder und Schriften der Gräueltaten anschauen. Hintergrund sind die wachsenden rechtsextremistischen Einstellungen, die sich in Gesellschaft und Politik immer breiter machen.
Die AfD fordert in mehreren Bundesländern, staatliche Gelder für Gedenkstättenarbeit drastisch zu kürzen. Auch Fördermittel für Gedenkstättenfahrten von Schulen sollen nach Vorstellung dieser Partei eingeschränkt oder gar gestrichen werden. Warum fürchtet sich die AfD vor Erinnerung? Demokratie lebt von Erinnerung! Sie ist ein lernendes System. Aus den Erfahrungen der Geschichte sichert sie ihre Grundwerte wie Menschenwürde, Toleranz, Sozial- und Rechtsstaatlichkeit. Eine „Ewigkeitsklausel“ sorgt im Grundgesetzt (Art. 79) dafür, dass Menschenwürde und Demokratie nie durch eine noch so große Mehrheit abgeschafft werden können. Die wichtigste Form der Demokratie- und Wertesicherung liegt bei den Wählerinnen und Wählern: Es ist die Wahl. Deshalb meine dringende Bitte: Wählen Sie! Das ist das beste Mittel, damit sich die Verbrechen der Vergangenheit nicht wiederholen.

Domkapitular Ulrich Beckwermert, Bischofsvikar für gesellschaftliche und kulturelle Fragen

Eva Gutschner

Die aktuelle gesellschaftspolitische Situation verunsichert mich und macht mir Angst – nicht nur als Christin, sondern auch als Frau. Auf Social Media bekomme ich da leider aktuell wenig Sicherheit und Orientierung. Stattdessen: Parteien, die sich gegenseitig schlecht machen und angreifen, politische Aussagen, die meinen Werten widersprechen, und Parteiprogramme, bei denen ich mich frage, was davon wirklich zu meinen Überzeugungen passt. Das Privileg, wählen zu gehen, möchte ich bewusst nutzen und dabei meine christlichen Werte nicht aus den Augen verlieren. Konkret meint das: Ich möchte mich nicht von Lautstärke, Angst oder einzelnen Schlagworten auf Social Media leiten lassen. Dazu gehört für mich auch die Frage, ob strategisches Wählen sinnvoll sein kann. Und vielleicht ist das gerade mein Weg, christlich zu wählen: mir die Zeit zu nehmen, noch mal genauer hinzuschauen, abzuwägen, Verantwortung zu übernehmen und bewusst drei Kreuze zu setzen – ganz in Ruhe bei der Briefwahl.

Eva Gutschner, Pastoralreferentin und im Bistum Osnabrück zuständig für digitale Glaubenskommunikation

Paul Vartmann

Wer den Begriff „Kommune“ nachschlägt, findet Bedeutungen wie „alle(n) gemeinsam“ oder „gemeinschaftlich“. Kommunalpolitik adressiert wichtige Alltagsfragen unseres Gemeindelebens. Dieses zu gestalten, erfordert ein solidarisches, inklusives Grundverständnis von Gemeinschaft. Daher rufe ich auch ausdrücklich dazu auf, menschen- und demokratiefeindliche Parteien und Kandidierende, aktuell insbesondere die AfD, nicht zu wählen. Sie gefährden das Gelingen eines solidarischen Zusammenlebens und greifen die Idee einer menschenwürdigen Gemeinschaft massiv an. Mein Wahlrecht wahrzunehmen und für ein konstruktiv organisiertes Zusammenleben zu stimmen, ist für mich ein Akt der Verantwortungsübernahme für mich und andere.

Paul Vartmann, BDKJ-Bildungsreferent

Weitere Infos

  • Wie läuft die Wahl ab, wer kann gewählt werden und wie viele Stimmen habe ich? Antworten auf diese und weitere häufig gestellte Fragen zur Wahl gibt es auf der Internetseite der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung: https://www.wahlen-in-niedersachsen.de
  • Das regionale Netzwerk Demokratie und Menschenwürde wurde im Jahr 2026 gegründet, um Menschen in kirchlichen Handlungsfeldern in ihrer Resilienz und Einsatzbereitschaft gegenüber rechten Tendenzen zu stärken und so zum demokratischen und menschlichen Zusammenleben beizutragen. Es berät und vernetzt Akteure in verschiedenen Bereichen des kirchlichen Lebens.
  • Mehr zum Thema Demokratie gibt’s hier in der Übersicht.

Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.

Markus 4,29