Wallfahrtsort Rulle

Bild: Kirchenbote

Es ist dunkel, still und angenehm kühl in der Gnadenkapelle. Kerzen tauchen die Pietà, die Maria mit ihrem toten Sohn Jesus zeigt, in schwaches Licht. Der Blick jedoch fällt als Erstes auf eine kostbare gotische Turmmonstranz im Tabernakel, gestiftet von Gläubigen, die das sogenannte Blutwunder ehrten. Und wer genau hinschaut, entdeckt auch die Hostiendose aus Elfenbein, um die sich eine über Rulle hinaus bekannte Legende aus dem Jahr 1347 rankt:

Diebe stahlen Gold und Silber vom Altar der damaligen Klosterkirche – und eine Hostiendose, die sie achtlos wegwarfen. Kirchgänger fanden sie schließlich und stellten fest, dass sich die Hostien rot verfärbt hatten. Ein heiliges Blutwunder? So jedenfalls wurde es gedeutet. Eine Pilgerflut setzte ein. Heute weiß man, dass die Verwandlung der Hostien nur ein chemischer Vorgang war, der durch ein Bakterium namens Serratia marces-cens verursacht wurde. Das Bakterium hatte die Hostien, die auf der Wiese lagen, rot eingefärbt und wie Fleischstückchen aussehen lassen.

Hochaltar des Künstlers Ludwig Nolde
Der Hochaltar des Künstlers Ludwig Nolde aus dem Jahr 1934 stellt die fünf Geheimnisse des schmerzhaften Rosenkranzes dar. Bild: Kirchenbote

Ab dem 15. Jahrhundert nahm neben der Verehrung des eucharistischen Brotes die Marienverehrung zu. Und noch heute „finden Menschen bei der Gottesmutter Trost, bitten um Hilfe, schöpfen Kraft“, sagt Domkapitular Reinhard Molitor. Viele schreiben ihre Anliegen in ein Fürbittbuch: „Hilf meinem Enkel beim Rechentest.“ „Hilf, dass meine Depression von mir genommen wird.“ „Beschütze meine Familie.“ „Hilf mir, dass ich meine Krebsoperation gut überstehe.“ Andere wiederum setzen sich nur still in die Bank. Wie aufs Stichwort öffnet sich die Kapellentür. Eine ältere Frau mit Rollator kommt herein, sucht sich einen Platz zum Beten. Molitor und Wallfahrtsseelsorger Pater Xavier Karamel Joseph wollen nicht stören. Das Gespräch geht draußen weiter.

Kirchenfenster
Ein Kirchenfenster in der großen Wallfahrtskirche zeigt die Hostiendose des Blutwunders aus dem Jahr 1347. Bild: Kirchenbote

Das prächtige Relief an der Eingangstür von Ludwig Nolde erinnert daran, dass Bischof Wilhelm Berning das Bistum Osnabrück 1940 der Gottesmutter weihte. „Ein mutiges religiöses Bekenntnis in Kriegszeiten“, findet Reinhard Molitor. Er zeigt auf eine erhöhte Stelle an der Straße, von der aus Berning seine flammenden Predigten hielt. Bis zu 10.000 Gläubige auf dem Kirchplatz hörten ihm zu.

Die Legende vom Marienbrunnen

Marienbrunnen
Der Marienbrunnen, eine Brunnenanlage mit Dach und kleinem Türmchen. Bild: Kirchenbote

Auch über den Marienbrunnen gibt es eine Wundergeschichte: Der Legende nach weidete ein stummer und tauber Hirte auf diesem Platz seine Schafe. Er sah einen Stock im Erdreich stecken, auf dem „Marien-Brunn“ geschrieben war. Der Schafhirte zog den Stock heraus – da quoll Wasser hervor und der Hirte konnte hören und sprechen.

Dem Wasser werden seitdem heilende Kräfte zugeschrieben. Bis heute zieht der Brunnen viele Pilger an. Und er war einst auch Anziehungspunkt für die Zisterzienserinnen, die sich ziemlich genau 100 Jahre vor dem Blutwunder in Rulle ansiedelten. Der Konvent, der wohl nie mehr als elf Nonnen umfasste, war sehr beliebt. Die Zisterzienserinnen lehrten den adligen Töchtern aus dem Landkreis Osnabrück das Lesen, Schreiben und Rechnen. Zudem gaben sie Unterricht im Herstellen kostbarer Stickereien und im gesellschaftlichen Umgang. Auch der berühmte „Codex Gisle“ aus dem 13. Jahrhundert zeugt von den Leistungen des Konvents. Während der Säkularisation wurde das Kloster Marienbrunn 1803 aufgehoben.

Eingangstür mit einem Nolde-Relief
Eingangstür mit einem Nolde-Relief: Bischof Wilhelm Berning weihte das Bistum der Gottesmutter. Bild: Kirchenbote

Die heutige Pfarrkirche St. Johannes, Apostel und Evangelist mit den weithin sichtbaren Türmen ist aus drei Kirchen zusammengewachsen. Eigentlich sind es sogar vier: Im Norden ist es die alte Pfarrkirche (Gnadenkapelle/Ulrichskirche). An der Südseite befindet sich die romanische Klosterkirche. Östlich an die Klosterkirche schließt sich die Wallfahrtskirche an, ein Erweiterungsbau aus den Jahren 1924 bis 1928. Der Kapitelsaal, ehemaliger Versammlungsraum der Klostergemeinschaft, befindet sich westlich der Klosterkirche und wird heute als Werktagskirche genutzt.

Pietà in der Kapelle
Pietà in der Gnadenkapelle (Ulrichskirche). Vermutlich entstand das Werk um 1720. Bild: Kirchenbote

Domkapitular Molitor und Pater Xavier bleiben am alten Taufbrunnen stehen, dort, wo Klosterkirche und Erweiterungsbau ineinander übergehen. Ein riesiger Raum. Längst pilgerten nicht mehr tausende Menschen nach Rulle, sagt der frühere Wallfahrtsseelsorger Molitor. Das Wegbrechen volkskirchlicher Strukturen sei spürbar. Dafür kommen übers Jahr verteilt viele kleine Gemeindegruppen, einzelne Besucher und Pilger, die auf dem Jakobsweg unterwegs sind und in der Ruller Kirchengemeinde sogar einen Schlafplatz finden.

Und es gibt die seit etwa 300 Jahren ungebrochene Tradition der Meppener Wallfahrt nach Rulle. Die emsländische Fußwallfahrt findet jedes Jahr um den 1. Mai herum statt – knapp 160 Kilometer von Meppen über Bawinkel, Lengerich, Schwagstorf, Merzen, Achmer bis nach Rulle und zurück. Pater Xavier, der indische Geistliche, kann über die perfekte Organisation einfach „immer wieder nur staunen“. Und wo es gerade ums Pilgern geht: Reinhard Molitor hat eine Idee, die ihm schon lange durch den Kopf schwirrt: „Da Rulle vom Ursprung her ein eucharistischer Wallfahrtsort ist, kann ich mir auch eine Erstkommunionwallfahrt gut vorstellen.“