Ein Quartier für alle
Während viele Kirchengemeinden im Bistum noch über die Zukunft ihrer Gebäude nachdenken, entschied sich St. Josef im Papenburger Stadtteil Vosseberg schon vor 15 Jahren für einen neuen Weg: Rund um die Kirche entstand ein Quartier, das Inklusion, soziale Arbeit, Bildung und Nachhaltigkeit verbindet. Heute begegnen sich hier Menschen unterschiedlichster Generationen und Lebenssituationen ganz selbstverständlich – auf dem Kirchplatz, im Garten, in der Kita oder beim Einkauf.
Wer den „Pastors Garten“ am Quartier St. Josef besucht, erlebt zunächst einen Ort der Begegnung. Zwischen Hochbeeten, Obstbäumen, Ziegen und Kaninchen kommen Kinder, Familien, Seniorinnen und Senioren sowie Menschen mit und ohne Behinderung ganz selbstverständlich miteinander ins Gespräch. Die Anlage ist weit mehr als ein Gemeinschaftsgarten und ein beliebter Anziehungspunkt – sie steht beispielhaft für die Idee des gesamten Quartiers: Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen sich im Alltag begegnen.
Rund um die Kirche St. Josef ist in den vergangenen Jahren ein sozialer Campus entstanden. Inklusive Kindertagesstätte und Wohnassistenz für Menschen mit geistiger, körperlicher oder seelischer Behinderung, Soziales Kaufhaus mit der Tafel und einer Wohngruppe für junge Erwachsene, Beratungsangebote, der Soziale Ökohof sowie Räume für Vereine und Initiativen arbeiten hier Tür an Tür. Das Ziel war nie, einzelne Einrichtungen nebeneinander anzusiedeln, sondern einen lebendigen Sozialraum zu schaffen.
Eine gemeinsame Vision
Der Anstoß dazu gab es bereits 2011. Angesichts sinkender Gemeindemitgliederzahlen und veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen stellte sich die Gemeinde eine grundlegende Frage: Welche Aufgabe kann Kirche künftig im Stadtteil übernehmen?
Pastor Gerrit Weusthof, mittlerweile im Ruhestand, formulierte den Leitgedanken des Projekts damals in der Entstehungsphase so: „Was können wir gemeinsam hier rund um die Kirche St. Josef Gutes für die Menschen tun?“ Aus dieser Frage entwickelte sich ein breit getragenes Quartierskonzept. Gemeinsam mit der Stadt Papenburg, der Caritas, dem St.-Lukas-Heim und dem Sozialdienst katholischer Frauen und Männer (SKFM) entstand Schritt für Schritt ein Netzwerk sozialer Angebote.
Bis zur Eröffnung im Jahr 2022 wurden über einen Zeitraum von rund neun Jahren etwa neun Millionen Euro in das Quartier investiert. Entstanden ist kein klassisches Gemeindezentrum, sondern ein Ort, an dem Kirche, Kommune und soziale Träger dauerhaft zusammenarbeiten.
Inklusion wird Alltag
Das Besondere am Quartier ist weniger die Architektur als das Miteinander. So wie in der inklusiven Kindertagesstätte „Unterm Regenbogen“ ist der Name auch Programm: Denn er symbolisiert mit den Regenbogenfarben die bunte Vielfalt der Gesellschaft, in der Menschen mit und ohne Behinderungen, Menschen aller Nationen, Religionen und Sprachen gleichermaßen ihren Platz finden dürfen.
Die Wohnassistenz des St.-Lukas-Heims unterstützt Menschen dabei, möglichst selbstständig zu leben. Das Soziale Kaufhaus, die Tafel und die Beratungsangebote des SKFM schaffen niedrigschwellige Hilfen für Menschen in schwierigen Lebenssituationen.
Weitere Infos
- Gelegenheit zur Begegnung an besonderen Orten gibt es an vielen Stellen im Bistum Osnabrück! Zum Beispiel auch im Osnabrücker Landwehrviertel, im Barbaragarten, am Durchkreuzer oder bei den vielen Sommeraktionen der Kirchengemeinden.
- Mehr zum Thema Transformation im Bistum Osnabrück erfahren Sie hier.
Hinter diesen Angeboten stehen menschliche Schicksale wie das von Karl, der ein ehemaliger Bewohner der betreuten Wohngruppe für junge Erwachsene ist. Bevor er den Weg zum SKFM fand, war er nach eigener Aussage „durcheinander“, konsumierte Drogen und fühlte sich von der Welt verlassen. Mit 4.000 bis 5.000 Euro Schulden und ohne festen Wohnsitz schien sein Weg vorgezeichnet. Durch die engmaschige Betreuung der Wohngruppe und die Schuldnerberatung fand er zurück in die Spur. Heute arbeitet Karl als Facharbeiter in der Metallbranche und blickt ohne Schulden in die Zukunft.
Auch die Kirche St. Josef selbst wurde umgebaut und neuen Bedürfnissen angepasst. Der Sakralraum wurde verkleinert und um einen flexibel nutzbaren Raum ergänzt. Heute finden dort nicht nur Gottesdienste statt, sondern auch Treffen von Vereinen, Selbsthilfegruppen und sozialen Initiativen. Die Kirche bleibt geistlicher Mittelpunkt – öffnet sich zugleich aber bewusst für das Leben im Stadtteil. Damit reagierte die Gemeinde auf gesellschaftliche Veränderungen – ohne ihre Identität aufzugeben. Statt leerer Räume entstand ein Ort, der täglich genutzt wird und Menschen zusammenführt.
Nachhaltigkeit mitgedacht
Zum Quartier gehört außerdem der Soziale Ökohof St. Josef, der ökologische Landwirtschaft, Beschäftigung und Bildungsarbeit miteinander verbindet. So vielfältig wie die Produkte des Hofes sind die Menschen, die hier arbeiten: Der Hof ist als Werkstatt für Menschen mit Behinderung anerkannt. Mit ihnen wirtschaften Menschen, die aus anderen Gründen zurzeit keinen Platz im allgemeinen Arbeitsmarkt gefunden haben. Landwirtschaftliche und soziale Fachkräfte unterstützen die Beschäftigten.
Weniger sichtbar, aber ebenso bedeutend ist die technische Infrastruktur des Viertels: Eine zentrale Energiezentrale versorgt Kirche und umliegende Gebäude über ein rund 420 Meter langes Nahwärmenetz. Pelletheizung, Blockheizkraftwerk und eine Gastherme für Spitzenlasten sorgen für eine energieeffiziente Wärmeversorgung und machen das Quartier auch ökologisch zukunftsfähig.

Hintergrund
Mit Blick auf die Zukunft fördert das Bistum Osnabrück unter anderem Projekte, bei denen neue Kirchorte entdeckt werden können. Weitere Infos zum Transformationsprozess gibt es hier.
Das Quartier St. Josef zeigt, dass kirchliche Standorte auch unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen eine wichtige Rolle spielen können. Nicht als abgeschlossene Inseln, sondern als offene Orte der Begegnung, Unterstützung und Teilhabe. Das Papenburger Modell macht deutlich, welches Potenzial entsteht, wenn Kirche, Kommune und soziale Träger ihre Ressourcen bündeln – und gemeinsam Verantwortung für das Zusammenleben übernehmen.