Ein Recht auf Menschenrechte
An diesem Ort wurde für mich der Kampf um die Menschenrechte im wahren Sinn des Wortes erfahrbar: Im Pariser Viertel Montparnasse hatte ich als junger Student tatsächlich diese alte Villa gefunden. Das war in der Rue Jean-Dolant 27. Moderne Glasfassaden von Banken und Kanzleien verdeckten fast den Blick auf das Grundstück und das sichtbar in die Jahre gekommene Gebäude. Gänsehaut: An der Holztüre des Seiteneingangs hing noch ein altes Schild: „Internationale Liga für Menschenrechte“ stand darauf in französischer Sprache.
Die Mitglieder der Liga traten ein für den Völkerbund, Menschenrechte sowie für die Schaffung einer internationalen Schiedsgerichtsbarkeit. Hier also residierte ihr Präsident, Victor Basch, französischer Germanist und Philosoph. Hierhin hatte sich 1933 aus Berlin der Vorsitzende der deutschen Liga für Menschenrechte, der Publizist Hellmut von Gerlach, vor den Nazis geflüchtet. Von hier aus halfen sie den jüdischen und politischen Exilanten, die der Tyrannei im Deutschen Reich zu entkommen suchten.

Über den Autor
Gerrit Schulte war viele Jahre Vorsitzender des Caritasverbands im Bistum Osnabrück und ist inzwischen Diakon im Ruhestand.
Die Gründung der Vereinten Nationen (UN) 1945 und die Verabschiedung ihrer „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ am 10. Dezember 1948 waren letztlich Folge dieses vorausgegangenen Rückfalls der Menschheit in die Barbarei. Nationalismus, Militarismus, Rassismus, Antisemitismus hatten die Erde verwüstet. Am „Internationalen Tag der Menschenrechte“, jeweils am 10. Dezember, erinnern seither die UN daran, dass die Rechte jedes Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Religion weltweit immer noch erkämpft und verteidigt werden müssen.
Ein denkwürdiger Tag auch für die Kirche. Denn Päpste und Gläubige lehnten Ideen wie die der Französischen Revolution und der Menschrechte, die Behauptung der Gleichheit aller Menschen und der Religionsfreiheit, lange Zeit als Auswüchse des Unglaubens und der Kirchenfeindlichkeit ab. Obwohl die jüdisch-christliche Idee der Gottesebenbildlichkeit des Menschen doch als Ursprung aller Menschenwürde gelten kann. Es ist müßig, die Irrtümer aufzulisten, mit denen sich die römisch-katholische Kirche gegen die Moderne stellte. Erst Papst Johannes XXIII. räumte 1963 in seiner Enzyklika „Pacem in Terris“ damit auf. Das Zweite Vatikanische Konzil bestätigte diese neue Sicht. Die von Folter, Sklaverei und Ausbeutung bedrohten Menschen, die Flüchtlinge und Kriegsopfer finden in der Kirche seither eine verlässliche Anwältin ihrer Rechte. Fragen bleiben dennoch. So macht sich die Kirche – nicht nur in den Augen vieler Frauen – angreifbar, da sie zwar immer wieder die Würde der Frau betont, aber der Fortschreibung der Menschenrechte mit Blick auf die Rechte der Frauen die Zustimmung zumeist verweigert. Gender Themen und Fragen der Abtreibung bilden die Konfliktlinien.
Weitere Infos
- Zum Nachlesen: Hier finden Sie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.
- Im Forum am Dom läuft noch bis zum 18. Dezember eine Ausstellung zum Thema Frieden.
Zurück in die Rue Jean-Dolent in Paris. Hellmut von Gerlach starb bereits 1935, konnte aber noch die Kampagne zur Verleihung des Friedensnobelpreises an seinen im emsländischen Esterwegen inhaftierten Freund Carl von Ossietzky stärken. Victor Basch versuchte sich nach Lyon zu retten in die vermeintlich von den deutschen Besatzern unabhängige Zone. Auf deren Betreiben wurden er und seine Frau 1944 verhaftet. Ihre Leichen wurden später an einer Landstraße bei Neyron nahe Lyon gefunden; sie wiesen viele Schusswunden auf.
Auch heute finden wir auf den Straßen und an den Stränden der Welt die Opfer von Krieg und Terror: die zivilen Opfer in den Trümmern der Städte; die im Meer ertrunkenen Flüchtlinge; die vergewaltigten Frauen; die von den Folgen des Klimawandels vertriebenen Menschen des Südens; die verschleppten Kinder im Ukraine Krieg … Es gibt kein Recht, die Augen davor zu verschließen. Am 10. Dezember nicht und an keinem anderen Tag.