Kloster Esterwegen

Esterwegen
Im Kloster Esterwegen ist viel Raum für stilles Gebet Bild: Kirchenbote

Kloster? Hier steht ein Kloster? Manche Besucher der Gedenkstätte Esterwegen finden den Weg zum Kloster rein zufällig. Sie folgen dem kleinen Wegweiser an der Gedenkstätte und sind erstaunt, dass dahinter ein Schwesternkonvent der Mauritzer Franziskanerinnen besteht. Wer an der Hecke vorbeigeht und den Spitzbogen durchschreitet, sieht die offenstehende Tür und ahnt, dass Gäste hier willkommen sind.

Drei Schwestern vor offener Tür
Stehen für Gespräche zur Verfügung: Schwester Agnelda (v.l.), Schwester Birgitte und Schwester Angelinis. Bild: Kirchenbote

Die drei Ordensschwestern, die in einem zum Kloster umgebauten früheren Bundeswehrgebäude leben, stehen im Kloster Esterwegen zum Gespräch zur Verfügung. Viele Menschen informieren sich zunächst in der benachbarten Gedenkstätte über die Emslandlager der Nationalsozialisten – das Konzentrationlager Esterwegen wurde ab Sommer 1933 zur Unterbringung von politischen Häftlingen errichtet. Dann kommen sie mit ihren Fragen ins Kloster, wie Schwester Birgitte erzählt. Fragen wie: „Wo war Gott damals? Hat es ihn nicht interessiert, was hier los war? Wie konnten Menschen das tun? Wie konnten Menschen das aushalten?“

Die Lore als Kunstwerk im Raum der Sprachlosigkeit steht für die schwere Arbeit im Moor. Bild: Kirchenbote

Diese Fragen stellen die Besucher oft bei ihrem Gang durch die öffentlichen Räume des Klosters, wenn sie bis zu dem großen Raum gelangt sind, in dem im Halbdunkeln einige Gegenstände sichtbar werden, die an die harte Arbeit der Häftlinge erinnern. Eine stilisierte Lore aus Eichenholz, ein Drehkreuz, auf dem sie fahren könnte. Hier setzen die Besucher sich auf die harten Bänke aus Eichenholz und lassen den Raum auf sich wirken. Durch die feinmaschig vergitterten Fenster fällt ein bisschen Licht herein, die Außenwelt ist nur schemenhaft erkennbar. Das kann beklemmend wirken. „Man ahnt, dass die Außenwelt noch existiert, aber man gehört nicht dazu“, beschreibt Schwester Birgitte das Gefühl, das die Menschen im „Raum der Sprachlosigkeit“ überkommt.

Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus

Wand mit Text
Im Eingangsbereich sind die Strophen des Liedes „Wir sind die Moorsoldaten“ auf der Wand dokumentiert. Bild: Kirchenbote

Ja, sagt Schwester Birgitte, das Kloster Esterwegen sei kein Ort, um Gott zu erfahren, aber einer, „um ihn zu erfragen“. Es gehe um Schuld, um Klagen, um Leid. An diesem Ort werde an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. „Mit diesem Thema ist man einfach nicht fertig“, sagt Schwester Birgitte, „und wir müssen akzeptieren, dass dies unsere Geschichte ist.“

Offenes Buch
Auf einem schlichten Holzhocker liegt in der Kapelle die Heilige Schrift. Bild: Kirchenbote

Es kämen immer wieder Menschen, die bezeugen, dass es so schlimm war, wie in der Gedenkstätte dokumentiert. Unter diesen Besuchern waren ehemalige Insassen des Lagers, aber auch jemand aus der Wachmannschaft. Mittlerweile kämen nicht mehr so viele Zeitzeugen wie anfangs, als das Kloster schon eröffnet hatte (Mai 2007) und die Gedenkstätte noch nicht bestand, die erst 2011 eröffnet wurde. Viele der Menschen, die alles noch selbst erlebt haben, seien schon gestorben. „Wir sind jetzt die Zeugen der Zeugen.“

Zur Sache

Im Kloster Esterwegen leben drei Ordensschwestern der Mauritzer Franziskanerinnen aus Münster. Zum öffentlich zugänglichen Teil des Klosters (Hinterm Busch 1, Esterwegen) gehören der Eingangsbereich mit der Wand, auf der der Text des Moorsoldatenlieds geschrieben ist, der verdunkelte „Raum der Sprachlosigkeit“ und eine kleine Kapelle, in der das Kreuz des Künstlers Klaus Simon hängt. Dienstags bis sonntags ist stets eine der Schwestern anwesend. Größere Besuchergruppen können sich anmelden unter 0 59 55/93 57 00.

Den Klosterinnenhof betreten Besucher durch einen Spitzbogen aus Holz. Bild: Kirchenbote

Schwester Birgitte hat festgestellt, dass es manche Besucher regelrecht nach Esterwegen zieht, zu diesem Ort der Schuld. Enkel, die wissen wollen, warum der Großvater so ein scharfer Nazi war, aber auch andere, die der NS-Vergangenheit ihrer Familie auf der Spur sind. Und die jetzt erst zu fragen wagen: „Was war mit meinen Eltern?“ Auch Personen, die Schuld auf sich geladen haben, finden den Weg zum Kloster. Menschen, die hier von den Brüchen in ihrem Leben berichten, die erzählen, was sie belastet.

Eine der Schwestern ist immer da. Die drei Ordensschwestern haben aber auch noch weitere Aufgaben. Schwester Agnelda und Schwester Angelinis arbeiten in der Kirchengemeinde Esterwegen mit, Schwester Birgitte ist beim Bistum angestellt und als Supervisorin aktiv.

Nonne vor Kreuz
Für das Kreuz hat der Künstler Klaus Simon einen Holzbalken aus einem Baum verwendet, der im Zweiten Weltkrieg von Granatsplittern getroffen wurde. Bild: Kirchenbote

Esterwegen ist kein „Ausflugsziel“

Auch Gruppen steuern das Kloster an. Den Firmlingen, Kolpingern oder Mitgliedern der Katholischen Frauengemeinschaft ist klar, dass Esterwegen kein „Auflugsziel“ ist. Viele wollen sich hier informieren, im Kloster noch verweilen und vielleicht eine Kerze aufstellen. Und sie schreiben ins Gästebuch – so wie Henk Verheyen: Der Belgier, Jahrgang 1925, war als Mitglied einer Widerstandsgruppe nach Deutschland verschleppt worden und ins Strafgefangenenlager Esterwegen gebracht worden. Er kann sich noch gut daran erinnern, dass er der ehemalige „Häftling Nr. 1041, Baracke III“ war, wie er schreibt. Verheyen besucht die Mauritzer Schwestern jedes Mal, wenn er in Esterwegen ist.

An diesem Nachmittag kommen Besucher vorbei, die aus Dalum hergefahren sind. Schwester Silvia, die in Christus König Dalum Küsterdienste übernommen hat, und ihre leibliche Schwester, Schwester Lidwina, die dem Orden der Franziskusschwestern in Krefeld angehört und gerade auf Heimatbesuch ist. Sie werden von Klaus Lingers begleitet.

Die beiden Schwestern sind mit mehreren Geschwistern in Herzlake aufgewachsen, der Vater war Holzschuhmacher. Schwester Lidwina kann sich daran erinnern, dass es früher warnend hieß: „Pass auf, sonst kommst du nach Esterwegen.“ Doch die 86-Jährige konnte sich damals keine rechte Vorstellung davon machen, was dieses Esterwegen war. Sie spürte nur, dass die Eltern manchmal Dinge besprachen, die gefährlich schienen und die die Kinder nicht hören sollten. „Ich wollte immer schon mal nach Estwerwegen und wissen, was hier im Emsland los war.“