Funktioniert: Ökumene in Wissingen

Altarraum der Auferstehungskirche Wissingen
Im Altarraum der Auferstehungskirche sind typisch evangelische Symbole wie der Herrnhuter Stern zu finden, aber auch das ewige Licht und der Tabernakel aus der katholischen Herz-Jesu-Kirche Bild: Susanne Haverkamp

Ein Dienstagmorgen im Juni. In Wissingen, einer kleinen Ortschaft im Osnabrücker Land mit knapp 2500 Einwohnern, setzen pünktlich um viertel vor neun die Glocken der evangelischen Auferstehungskirche ein. Sie rufen zum Gottesdienst, genauer: zur Werktagsmesse. Denn seit Januar, als ihre eigene, nur 350 Meter entfernte Herz-Jesu-Kirche geschlossen wurde, feiern die katholischen Gläubigen des Ortes hier ihre Gottesdienste.

„Vor drei Jahren ist der Bürgermeister auf uns zugekommen und hat gefragt, ob wir uns vorstellen können, unsere Kirche abzureißen“, erzählt der Pfarrbeauftragte Thomas Steinkamp. „Sie suchten ein Grundstück für den Neubau der Grundschule.“ Eine Frage, bei der anderen die Luft wegbleiben oder sie in spöttisches Gelächter ausbrechen würden.
Bei Steinkamp war es anders: Er nahm die Frage mit in den Kirchenvorstand. Und der nahm sie ernst. „Wir wussten, dass wir für den Erhalt unserer Kirche in den nächsten Jahren sechsstellige Beträge ausgeben müssten“, sagt Steinkamp. Herz-Jesu war 1959 eingeweiht worden, ein typischer Nachkriegsbau. „Mit viel Eigenleistung der zugezogenen Aussiedler und Flüchtlinge hochgezogen, aber schlecht in Schuss“, ergänzt der Pfarrbeauftragte. Vom Dach fielen schon mal Ziegel herunter, die Heizung war kurz vor dem Ende, eine Dämmung quasi nicht existent. Und trotzdem: Die Kirche abreißen?
„Uns war sehr schnell klar, dass wir es nur unter einer Bedingung tun werden: wenn Wissingen als Gottesdienstort erhalten bleibt“, sagt Steinkamp. Damit sei die evangelische Auferstehungsgemeinde ins Spiel gekommen: „Als wir überlegt haben, wo wir feiern könnten, meinte jemand: Wo ist das Problem? Es gibt doch eine Kirche im Ort!“

„Hauptsache, wir feiern.“

Auferstehungskirche Wissingen
Vor der Auferstehungskirche stehen die Schaukästen der evangelischen und der katholischen Gemeinde nebeneinander.

Aber würde die Gemeinde die Katholiken aufnehmen? Angelika Breymann, die evangelische Pastorin, sagt: „In unserem Kirchenvorstand war sofort eine große Bereitschaft da.“ Und sie fügt hinzu: „Letztlich ist es ja auch für uns eine Bestandssicherung, wenn zwei Gemeinden die Kirche und das Gemeindehaus nutzen.“

In der Kirche sitzen an diesem Dienstagmorgen fünf Frauen und beten den Rosenkranz. Die Küsterin, die auch schon in der alten Kirche Dienst tat, bereitet die Messe vor. Gerade kommt der indische Pastor Andrews Francis, der sie feiern wird. Später wird er sagen: „Bei uns in Kerala wäre es nicht vorstellbar, dass wir eine evangelische Kirche für die katholische Messe nutzen.“ Aber für ihn selbst, meint er, sei das kein Problem: „Hauptsache, wir feiern.“

Doch auch wenn die Bereitschaft zur Zusammenarbeit auf beiden Seiten groß war: Die Tücke liegt wie immer im Detail. Denn wenn die Katholiken dauerhaft einziehen wollten, gab es einiges zu bedenken – und zu verändern. „Die evangelische Gemeinde ist uns sehr entgegengekommen und dafür sind wir auch sehr dankbar“, sagt Thomas Steinkamp. Angelika Breymann lacht und sagt: „Ja, gut, dass wir nicht von Anfang an wussten, was alles auf uns zukommt!“
Denn es ist einiges, was aus der Herz-Jesu-Kirche hinübergewandert ist: der Kreuzweg, der Tabernakel mit dem Ewigen Licht, die Sitze für Priester und Messdiener, die Glocke an der Sakristeitür, das Weihwasserbecken, ja, sogar der elektrische Liedanzeiger. Typisch evangelisch in der Kirche aus dem Jahr 1966 sind der große Herrnhuter Stern an der Decke, die fehlenden Kniebänke und das Kreuz ohne Corpus, also ohne Jesus, der daran hängt. „Schließlich sind wir eine Auferstehungskirche“, sagt Breymann.

Weitere Infos

„Es ist immer ein Aufeinanderzugehen“, finden beide Gemeindeleitungen. Dass der Tabernakel seinen Platz im Altarraum gefunden hat, sei sogar eine Idee der evangelischen Geschwister gewesen. „Aber dass unsere alte Liedtafel weg ist, das finde ich schon schade“, sagt Breymann. „Vielleicht finden wir für die noch einen guten Platz.“ Steinkamp nickt. „Bestimmt, das ist ja alles noch auf dem Weg.“

Ökumene war immer schon ein Thema

Wie finden die Leute die Neuerung? „Ich habe kaum negative Rückmeldungen bekommen“, sagt Breymann. Einerseits wegen der Bestandssicherung, „denn eigentlich sind unsere Räume zu groß für die Anzahl der Gemeindemitglieder“ und auch in der Evangelischen Kirche hat der Rückbau der Immobilien längst begonnen. Andererseits aber auch, weil Ökumene immer schon ein Thema war: Die Kita in Wissingen ist in evangelischer Trägerschaft und gleich neben der Kirche. „Es gibt viele konfessionsverbindende Familien, da lief immer schon viel miteinander“, sagt Breymann. Dass es jetzt noch mehr wird, hoffen beide Gemeindeleiter.

Menschen beim Umzug der Herz-Jesu-Kirche in die Auferstehungskirche Wissingen
Nach dem letzten Gottesdienst in der Herz-Jesu-Kirche gab es für die katholischen Gemeindemitglieder ein herzliches Willkommen in der evangelischen Auferstehungskirche.

Und bei den Katholiken? „Natürlich war die Trauer groß, als wir darüber informiert haben, dass der Abriss der Kirche im Raum steht“, sagt Steinkamp. Wichtig sei gewesen, alle – Katholiken wie Protestanten – von Anfang an in die Diskussionen einzubeziehen und nicht nur Entscheidungen mitzuteilen. Ein katholisches Ehrenamtsfest in der Auferstehungskirche und drumherum, bei dem auch evangelische Christen mitwirkten, half, Hemmungen abzubauen. Ebenso die Prozession nach der letzten Messe von Herz-Jesu zur Auferstehungskirche und der Empfang dort durch die Pastorin.

„Aber dennoch waren wir gespannt, wie die Kirche angenommen wird“, sagt Steinkamp. „Ob die Wissinger hier zur Messe gehen oder nach Bissendorf fahren.“ Schließlich ist St. Dionysius, die dortige katholische Kirche, gerade mal fünf Kilometer entfernt. „Jetzt, nach einem halben Jahr, kann man sagen: Der Besuch ist stabil.“ Mit den sieben Frauen, die an der Werktagsmesse teilnehmen, „sind wir vollständig“, sagt Pastor Francis. In die Vorabendmesse am Samstagabend kommen wie früher 30 bis 40 Gläubige.

Und was sagen die Frauen, die an diesem Dienstagmorgen gekommen sind? Das Echo ist gemischt. „Wir sind so dankbar, dass wir hier aufgenommen wurden“, sagt eine. „Ich komme so gern hierher.“ Eine andere, die ihr Kniebänkchen in der Hand hält, ist skeptischer: „Ich bin hier noch nicht wirklich zu Hause. Ich vermisse die Bilder.“ Aber immerhin, sie kommt regelmäßig. Und stellt ihr Kniebänkchen in eine Ecke vorne rechts, damit sie es nicht immer hin und her tragen muss.

Artikelhinweis Kirchenbote

Erzieh den Knaben für seinen Lebensweg, dann weicht er auch im Alter nicht davon ab.

Sprüche 22,6

Gartenarbeit, Junge, Großvater