Gott mag keine Ranglisten

Frau in Kirche mit Brille schaut sich um
Bild: Adobe Stock, Krakenimages.com

In jener Zeit, als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie am selben Ort zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Matthäus 22,34-40

Vielleicht wäre Jesus ein ziemlich schlechter Vorsitzender einer Kirchenvorstandssitzung gewesen. Jedenfalls dann, wenn es darum geht, klare Prioritäten zu setzen. Denn wer schon einmal in einem solchen Gremium mitgearbeitet hat, weiß: Es gibt immer mehr Aufgaben als Zeit, mehr Wünsche als Geld und mehr gute Ideen als Menschen, die sie umsetzen können. Da muss entschieden werden: Was ist wirklich wichtig? Was hat Vorrang? Und was muss vielleicht auch einmal zurückstehen?

Genau diese Frage wird Jesus im Evangelium gestellt. Ein Gesetzeslehrer möchte von ihm wissen, welches Gebot das wichtigste ist. Eine durchaus berechtigte Frage angesichts der Vielzahl religiöser Vorschriften und Gebote. Doch Jesus lässt sich nicht auf ein einziges Gebot festlegen. Er nennt gleich zwei: Gott lieben und den Nächsten lieben. Und er macht deutlich, dass beide untrennbar zusammengehören.

Rundes Portraitfoto von Kirsten Ludwig
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Darin steckt auch eine unbequeme Botschaft für unsere Kirche: Gott lässt sich nicht gegen die Menschen ausspielen. Wer Gott sucht, kommt an den Menschen nicht vorbei. Und wer sich den Menschen zuwendet, ist Gott manchmal näher, als er selbst ahnt.

Das klingt zunächst selbstverständlich. Doch im Alltag unserer Kirchengemeinden ist es das keineswegs. Da stehen Fragen nach Gottesdienstzeiten neben Diskussionen über Gebäude und Finanzen. Da geht es um die Zukunft kirchlicher Einrichtungen, um pastorale Angebote, um Traditionen und Veränderungen. Und manchmal geraten wir bei all diesen Fragen in die Versuchung, das eine gegen das andere aufzurechnen: Ist die Feier des Gottesdienstes wichtiger als das soziale Engagement? Ist der Erhalt eines Kirchengebäudes wichtiger als die Unterstützung von Menschen in Not? Müssen wir uns nicht endlich entscheiden, was Vorrang hat?!

Jesus gibt darauf keine einfache Antwort. Er stellt vielmehr unsere Art, die Frage zu stellen, infrage. Denn Gottesliebe und Nächstenliebe sind keine konkurrierenden Aufgaben, zwischen denen wir uns entscheiden müssten. Sie sind zwei Seiten derselben Haltung.

Das verändert auch unseren Blick auf das, was Kirche ausmacht. Entscheidendes geschieht nicht nur im Gottesdienst, sondern auch beim Kaffeekochen nach einer Beerdigung, beim geduldigen Zuhören, bei einer Kirchenvorstandssitzung, in der verantwortungsvoll um die Zukunft unserer Gebäude gerungen wird, oder dort, wo jemand einfach mit anpackt. Und umgekehrt ist unser Einsatz für andere Menschen nicht bloß eine zusätzliche Aufgabe neben unserem Glauben. Er ist eine Weise, diesen Glauben zu leben.

Eine besondere Aktualität bekommt dieser Gedanke mit Blick auf die Gremienwahlen am 7. und 8. November in unserem Bistum. Unter dem Motto „verändert handeln – engagiert bleiben“ werden die Kirchenvorstände und Pfarrgemeinderäte neu gewählt. Die Menschen, die dort Verantwortung übernehmen, werden in den kommenden Jahren viele schwierige Entscheidungen treffen müssen. Dabei wird es nicht nur darum gehen, was wir uns als Kirche noch leisten können, sondern vor allem darum, für wen wir Kirche sein wollen. Vielleicht ist genau das der entscheidende Maßstab für die Arbeit dieser Gremien: Nicht die Verwaltung des Bestehenden darf zum Selbstzweck werden, sondern die Frage, wie wir als Kirche Gottes- und Nächstenliebe konkret erfahrbar machen können.

Gerade in Zeiten großer Veränderungen ist das eine wichtige Erinnerung. Wir werden als Kirche weiterhin Prioritäten setzen müssen. Wir werden entscheiden müssen, welche Gebäude wir erhalten, welche Angebote wir fortführen und wo wir neue Wege gehen. Jesus nimmt uns diese Entscheidungen nicht ab. Aber er gibt uns einen Maßstab an die Hand: Dient das, was wir tun, der Liebe zu Gott und den Menschen?

Und noch etwas fällt auf: Jesus spricht nicht nur von der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Er fügt hinzu: „wie dich selbst“. Auch die eigene Person darf bei allem Engagement nicht aus dem Blick geraten. Wer sich für andere einsetzt, muss nicht ständig über die eigenen Grenzen gehen. Vielleicht gehört es sogar zu einer christlichen Haltung, sich selbst und anderen zuzugestehen, dass nicht alles möglich ist.

Am Ende beantwortet Jesus die Frage nach dem wichtigsten Gebot also nicht mit einer Rangliste. Er eröffnet einen anderen Blick auf das, was wirklich zählt. Gott ist nicht nur dort zu finden, wo wir ihn ausdrücklich suchen. Manchmal wartet er dort, wo ein Mensch uns braucht.

Und vielleicht ist das die wichtigste Frage für unsere Kirche: nicht nur, was wir in Zukunft noch leisten können, sondern für wen wir da sein wollen.

Kirsten Ludwig

Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!

Jesaja 41,10