Leben im Ei
Vor einiger Zeit war ich wieder in Frankfurt St. Georgen. Ich habe an viele Ereignisse und Begegnungen aus meiner Studienzeit denken müssen. Immer wieder fasziniert mich die eiförmige Kirche auf dem Gelände der Hochschule. Diesmal ist mir beim Besuch der Kirche ein Gedicht von Günter Grass eingefallen. Ich habe den Text bei einer Beerdigungspredigt vorgetragen.
Das Gedicht „Im Ei“ ist in diesen Herbsttagen eine Ermutigung, über unsere Perspektive auf das Lebens nachzudenken. In den Versen des Gedichts entdecke ich Bausteine der Hoffnung über den Tod hinaus:
Wir leben im Ei.
Die Innenseite der Schale
haben wir mit unanständigen Zeichnungen
[…] bekritzelt.
Wir werden gebrütet.
Wer uns auch brütet,
unseren Bleistift brütet er mit.
Ausgeschlüpft eines Tages,
werden wir uns sofort
ein Bildnis des Brütenden machen.
Wir nehmen an, dass wir gebrütet werden.
Wir stellen uns ein gutmütiges Geflügel vor
und schreiben Schulaufsätze
über Farbe und Rasse
der uns brütenden Henne.
Wann schlüpfen wir aus?
Unsere Propheten im Ei
streiten sich für mittelmäßige Bezahlung
über die Dauer der Brutzeit.
Sie nehmen einen Tag X an.
Aus Langeweile und echtem Bedürfnis
haben wir Brutkästen erfunden.
Wir sorgen uns sehr um unseren Nachwuchs im Ei.
Gerne würden wir jener, die über uns wacht,
unser Patent empfehlen.
Wir aber haben ein Dach überm Kopf.
Senile Küken,
Embryos mit Sprachkenntnissen
reden den ganzen Tag
und besprechen noch ihre Träume.
Und wenn wir nun nicht gebrütet werden?
Wenn diese Schale niemals ein Loch bekommt?
Wenn unser Horizont nur der Horizont
unserer Kritzeleien ist und auch bleiben wird?
Wir hoffen, dass wir gebrütet werden.
Wenn wir auch nur noch vom Brüten reden,
bleibt doch zu befürchten, dass jemand,
außerhalb unserer Schale, Hunger verspürt,
uns in die Pfanne haut und mit Salz bestreut. –
Was machen wir dann, ihr Brüder im Ei?
Ich möchte jetzt keine kirchenpolitische Interpretation dieses Gedichts geben. Mir geht es um eine existentielle, persönliche Deutung. Denn es besteht die Gefahr, in die Jenseitsfalle zu laufen, als wenn wir genau wüssten, wie es kommt und was da kommt …
Ich möchte weder einer gläubigen Naivität das Wort reden, noch möchte ich es den Spöttern leicht machen, dass sie sich in ihrer Diesseitigkeit unangreifbar vorkommen. Mit einem kritischen Blick kann ich im Innern des Eies Wachstumsprozesse der Menschlichkeit ausmachen, die Spuren der Hoffnung signalisieren. Diese vorsichtige Hoffnung möchte ich so formulieren, dass das, was im Ei geschieht, Hinweise für ein Leben jenseits des Eies enthält. Das heißt, auch um unseres Glaubens willen gründlich in unsere Gesellschaft und Geschichte hineinzuschauen und nicht an ihnen vorbei.
Bei aller christlichen Auferstehungshoffnung können und wollen wir nicht an Leiderfahrungen vorbei jubilieren. Wir leben im Innern des Eies, erleben Wachstumsprozesse der Menschlichkeit und wir erleben Rückschläge. Mit Krisen und Katastrophen werden wir konfrontiert.
Dennoch: Was unmöglich erschien, ist uns mit einmal wieder möglich. Ein Wort von Karl Rahner spiegelt unser Leben wieder: „Glaube heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang auszuhalten.“
Karl Rahner hat sich auch immer für ein Leben jenseits des Eis stark gemacht. Er hat sich für das alltägliche Leben interessiert. Dabei stellte er fest: Die Eierschale der Zeitlichkeit hat längst ein Loch bekommen durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi.