Meditation

Turm Steine
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Balsam für Körper, Geist und Seele

Stress, Stress, Stress. In Zeiten, in denen jeder immer und überall erreichbar ist, kommt die innere und äußere Ruhe oft zu kurz. Doch viele Menschen sehnen sich nach Auszeiten im Leben – ganz bewusst, zum Beispiel mit Meditation. Im Interview spricht Pater Franz Richardt, geistlicher Direktor in Haus Ohrbeck, über das Meditieren und warum es nicht immer schön ist, sich selbst zu begegnen.

Meditieren – kann das jeder?
Im Prinzip schon. Nur muss ich damit rechnen, dass zum Beispiel bei der Zen-Meditation Dinge auftauchen, die unangenehm sind. Man kann das vergleichen mit Wasser. Wenn Wasser ganz ruhig ist, kann man oft bis auf den Grund sehen, was dort herumliegt. So ist es auch beim Meditieren. Wenn ich ganz ruhig werde, tauchen vielleicht auch alte Wunden und Verletzungen auf. Deshalb gibt es in Kursen den Zen-Meister, der Ahnung hat von den Tiefen der Seele und der Einzelgespräche führt. Sich selbst zu begegnen, auch mit schlechten Gedanken wie Neid, Gier, Eifersucht, ist nicht immer schön.

Warum üben Meditationen trotzdem einen so großen Reiz aus?
Viele Menschen machen sich bewusst: „Ich will nicht nur von außen gesteuert funktionieren, sondern ich selbst sein.“ Wer meditiert, kommt mehr in seine innere Mitte, ist bei sich und gewinnt aus dieser inneren Einkehr Kraft, den Alltag zu gestalten. Und wer gut mit sich selbst in Verbindung ist, kann auch besser mit anderen in Verbindung sein. Die Menschen sollten auf ihren Körper hören, der Körper lügt nicht. Herzbeschwerden, Kopfschmerzen oder Verspannungen signalisieren: „Pass auf! Wenn du so weitermachst, kann das kritisch werden.“ Achtsam zu sein, zur Ruhe zu kommen, aufzutanken – das ist ein tiefes Bedürfnis der Menschen.

Es gibt ja unzählige Meditationsformen. Was prägt speziell die christliche Meditation?

Pater Franz Richardt, geistlicher Direktor im Haus Ohrbeck, Bild: kirchenbote.de
Pater Franz Richardt, geistlicher Direktor im Haus Ohrbeck (Bild: kirchenbote.de)

Nach christlichem Verständnis ist Meditation eingebettet in die Auseinandersetzung mit der Bibel. Ich gehe also nicht gleich in mich, sondern lese zuerst das Wort Gottes. Dann versuche ich, mich mit dem Text in Beziehung zu bringen.
Ursprünglich kommt der Begriff Meditation aus der Militärsprache der Römer: Jeder Soldat versuchte, sich den Gang der Truppe anzueignen, sich anzupassen – Maß zu nehmen am Vorgegebenen. Das nannte man Meditation. Beim heutigen Meditieren nehme ich Maß am Text: Wo freut er mich? Wo stört er mich? Wo tröstet er mich? Dann kommt der nächste Schritt, die Kontemplation: Ich verweile, genieße und verinnerliche eine Textstelle. Zum Beispiel einen Trost. Darauf folgt das Gebet, und aus dem Gebet heraus entwickelt sich die Frage: Was heißt das für meinen Alltag? Was muss ich tun?

Wodurch unterscheiden sich christliche und fernöstliche Meditationsformen im Wesentlichen?
Der Buddhist würde sagen: „Ich bin auf dem Weg zu einer inneren Erleuchtung.“ Im Unterschied zur fernöstlichen Meditation weiß christliche Meditation, dass der Mensch Gott in seinem tiefsten Herzen finden kann, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist und dass ich in der Meditation einem Du begegnen kann, von dem ich unermesslich geliebt bin, ein Gott, der selbst Mensch wurde, weil er den freien, verantwortlichen und ganzheitlichen Menschen will.

Ist dann zum Beispiel Zen-Meditation, wie sie auch in Klöstern angeboten wird, überhaupt vereinbar mit dem christlichen Glauben?
Ob beides vereinbar ist – darüber gibt es große Streitfragen. Von Urbeginn an hat es auch in der christlichen Kirche eine meditative Richtung gegeben. Buddhistische Zen-Meister haben Christen, die zu ihnen kamen, daran erinnert. Atemübungen zum Beispiel kann man neutral machen. Es kommt bei der klassischen Meditation darauf an, immer wieder zu üben, zur Ruhe zu kommen.

Einen Meditationskurs besuchen – damit ist es ja meistens nicht getan. Wie gelingt es, immer wieder Ruhepole in den hektischen Alltag einzubauen?
Einfach anfangen und üben. Dafür muss man nicht unbedingt einen Kurs besuchen. Aber die Regelmäßigkeit ist wichtig. Zehn bis 15 Minuten täglich sollte man sich schon Zeit nehmen. Beim Meditieren gerade sitzen, nicht bewusst atmen, sondern mit dem Atem eins werden. Am Atem kann ich mich festhalten, da werde ich automatisch ruhig. Das Schwierigste sind die Gedanken. Die kommen, sobald ich ruhig werde,  ich kann nicht abstellen, dass ich denke. Die Kunst der Meditation ist, den Gedanken nicht nachzugehen. Es gibt ein Bild im Zen: „Ich bin wie ein Berg, die Wolken (Gedanken) kommen, und sie gehen auch wieder. Ich gehe den Wolken nicht hinterher.“ Wer richtig in die Zen-Meditation gehen will, sollte einen Kurs besuchen. Ansonsten gilt: Einfache Übungen kann ich allein zu Hause machen. Erst schauen, welches Angebot zu einem passt, dann üben, üben, üben.