Mehr als ein Seufzen
Ich bin nämlich überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Denn die Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. Gewiss, die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung hin: Denn auch sie, die Schöpfung, soll von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber nicht nur das, sondern auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, auch wir seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden.
Römer 8,18-23

Hier kommentieren jede Woche Menschen aus dem Bistum Osnabrück eine Bibelstelle aus einer der aktuellen Sonntagslesungen – pointiert, modern und vor allem ganz persönlich.
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Auf jedem Vers dieser Lesung könnte man lange herumkauen und dabei viel Nahrhaftes finden. Und wohl auch Irritierendes – ich wittere Verharmlosungsgefahr angesichts empörender Leiden einerseits und vermisse Freude über die Freuden der Schöpfung andererseits. Jetzt und hier nur wenige Worte zu den Geburtswehen und zum Seufzen.
Welchen Unterschied für unser Erleben der vergänglichen Welt mit ihren Leiden und Freuden kann es machen, den Glauben an das ewige Leben wirklich ernst zu nehmen? Wenn die Welt und wir in ihr nicht nur auf ein Ende zusteuern, sondern auch auf einen neuen Anfang. Dann ginge die Sonne an unserem Lebensabend nur unter, um am Morgen der Ewigkeit wieder aufzugehen. Dann braucht es das Sterben und den Tod, damit wir nach dem vergänglichen Leben in ein unvergängliches hineingeboren werden können. Gewiss nicht alle, aber doch einige Leiden im und am Leben ließen sich unter dieser Perspektive als Geburtswehen verstehen und bestehen – Verheißung oder/und Provokation?
Wie können wir darauf reagieren?
Paulus spricht vom „Seufzen“; ich übersetze das für mich mit „Sehnen, Sehnsucht“. Tief in unserem Herzen spüren wir, mit James Bond formuliert: „The World is not enough“ – („Die Welt ist nicht genug“). Es gibt ein Seufzen, eine Sehnsucht im Glück: Hach, möge es immer so sein! Und es gibt ein Seufzen, ein Sehnen im Unglück: Ach, das darf so nicht sein, nicht bleiben! Und es gibt ein Seufzen, ein Sehnen im Alltag: Soll das schon alles sein, muss da nicht mehr Leben ins Leben?
Dieses Seufzen ist kein Wunschdenken. Es ist eine Sehnsucht nach Leben und Liebe, die uns Gottes Geist ins Herz gibt. Sie vermittelt uns eine Ahnung davon, was uns verheißen ist. Und sie kann und sollte uns Ansporn sein, davon schon hier und jetzt so viel wie möglich zu „realisieren“, im doppelten Wortsinn. Manchmal bleibe ich dabei unter meinen Möglichkeiten, Manches übersteigt meine Möglichkeiten. Seufz…
Martin Splett