Menschwerdung des Menschen

Stern im Fenster
Bild: unsplash.com, Aziz Acharki

Jubeln werden die Wüste und das trockene Land, jauchzen wird die Steppe und blühen wie die Lilie. Sie wird prächtig blühen und sie wird jauchzen, ja jauchzen und frohlocken. Die Herrlichkeit des Líbanon wurde ihr gegeben, die Pracht des Karmel und der Ebene Scharón. Sie werden die Herrlichkeit des Herr sehen, die Pracht unseres Gottes. Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie! Sagt den Verzagten: Seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott! Die Rache kommt, die Vergeltung Gottes! Er selbst kommt und wird euch retten. Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben werden geöffnet. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen frohlockt. Die vom Herrn Befreiten kehren zurück und kommen zum Zion mit Frohlocken. Ewige Freude ist auf ihren Häuptern, Jubel und Freude stellen sich ein, Kummer und Seufzen entfliehen.

Jesaja 35,1-6ab.10
Hermann Steinkamp
Das Bibelfenster

Hier kommentieren jede Woche Menschen aus dem Bistum Osnabrück eine Bibelstelle aus einer der aktuellen Sonntagslesungen – pointiert, modern und vor allem ganz persönlich.

Haben Sie eine Frage? Eine ganz andere Idee zum Thema? Oder möchten das Bibelfenster als kostenlosen Newsletter abonnieren?

Dann schreiben Sie uns!
An bibelfenster@bistum-os.de

Haben Sie schon Ihre Weihnachtspost geschrieben? Für mich gehören, wenn möglich, auf die Weihnachtspost passende Sondermarken. In diesem Jahr gibt es eine Sondermarke mit dem Gesicht von Margot Friedländer und folgendem Zitat von ihr: „Schaut nicht auf das, was euch trennt. Schaut auf das, was euch verbindet. Seid Menschen, seid vernünftig.“ Diese Sondermarke ist stark nachgefragt und war immer wieder schnell vergriffen. Vermutlich verbinden viele Menschen mit dieser kleinen zierlichen Frau, die im Mai dieses Jahres im Alter von 103 Jahren verstorben ist, mit ihrer Botschaft für das Leben, für Menschlichkeit, für Menschwerdung, gerade wesentliche Inhalte von Weihnachten.

Margot Friedländer hat – wie so viele Menschen jüdischen Glaubens – in den dunklen Jahren der Nazi-Diktatur, geliebte Menschen auf menschenverachtende Weise verloren. Sie musste „gehen durch die Todschattenschlucht“ (Psalm 23, 4 in der Übersetzung von Buber/Rosenzweig). Und doch hat Margot Friedländer den Glauben an das Menschsein, an gelebte Mitmenschlichkeit, nicht verloren. Bis zu ihrem Tod war sie eine Stimme, die uns immer wieder auf das Menschenmögliche, auf das Gute des Menschseins hinwies: auf unbegrenzte Solidarität, emphatisches Verbundensein und aufrichtige Versöhnung. Margot Friedländer war eine Lichtbringerin in dunklen Zeiten, eine Prophetin für die Menschwerdung des Menschen.

Der Prophet Jesaja ist mit seiner Botschaft schlechthin der Prophet der Adventszeit. Seine bildhaften Worte sind Worte der Ermutigung und der Hoffnung in dunklen Zeiten. Sie stemmen sich verheißungsvoll gegen die „Todschattenschluchten“, damals wie heute.

Der Blick auf die Prophet*innen der Vergangenheit und Gegenwart tut mir gut. Sie geben Zeugnis dafür, dass selbst im tiefsten Dunkel das Menschsein nicht verloren ist.

Hermann Steinkamp

Denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben.

Jeremia 29,11