Mitten in der Fülle
G*tt formte Menschen zu lebendigen Wesen in einen Garten setzte er Menschen.
Vgl. Genesis 2,7-9;3-7
G*tt ließ wachsen
Begehrenswert
köstlich.
Die Schlange sagte: Dürft ihr?
Die Frau: Wir dürfen.
Nur davon nicht.
Sterben.
Augen auf: klug zu werden.
Augen auf: nackt.
Ganz am Anfang steht nicht das Verbot, sondern der Atem. G*tt formt den Menschen aus Staub – und haucht. Der Mensch ist nicht nur gemacht, sondern belebt.
Und dann: ein Garten. Wachstum. Schönheit. Fülle. Begehrenswert. Köstlich. Das Leben ist Gabe. Es darf genossen werden. Es ist nicht karg gedacht, sondern reich.
Mitten in dieser Fülle aber steht eine Grenze. Nicht als Schikane, sondern als Möglichkeit zur Unterscheidung. Hier beginnt die Fähigkeit, zu unterscheiden zwischen lebensförderlich und lebensabträglich. Zwischen Vertrauen und Misstrauen. Zwischen Maß und Maßlosigkeit.

Hier kommentieren jede Woche Menschen aus dem Bistum Osnabrück eine Bibelstelle aus einer der aktuellen Sonntagslesungen – pointiert, modern und vor allem ganz persönlich.
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Die Schlange fragt: „Dürft ihr?“
Eine kleine Verschiebung – und doch folgenreich. Aus dem Raum der Fülle wird plötzlich ein Raum des Mangels. Aus Vertrauen wird Zweifel. Aus Beziehung wird Berechnung.
„Augen auf: klug zu werden.“ – Die Sehnsucht ist nachvollziehbar. Wer möchte nicht erkennen, verstehen, selbst entscheiden? Unterscheidungsfähigkeit bedeutet: verantwortlich handeln zu können – und zu müssen. Erwachsen und frei sein. Doch Freiheit trägt Gewicht.
„Augen auf: nackt.“ – Mit der Erkenntnis kommt die Scham. Mit der Selbstständigkeit das Bewusstsein der eigenen Verletzlichkeit. Mit der Freiheit die Erfahrung von Fremdheit – auch sich selbst gegenüber.
Die Geschichte erzählt nicht einfach von einem Fehltritt – und schon gar nicht vom Fehltritt einer Frau, die das Böse in die Welt bringt. Sie erzählt vom Menschsein. Davon, dass das Leben in Spannungen steht: Gabe und Aufgabe. Fülle und Grenze. Freiheit und Verantwortung. Nähe und Scham.
Unsere Augen gehen immer wieder auf. Wir erkennen, was gut wäre – und handeln doch anders.
Vielleicht kann dieser Text einladen, die eigene „Baum-Mitte“ im Leben zu betrachten:
Wo stehe ich vor Entscheidungen?
Wo ringe ich um Unterscheidung?
Wo erlebe ich Freiheit als Geschenk – und als Last?
G*tt bleibt in dieser Erzählung der, der atmet, der pflanzt, der wachsen lässt.
Auch jenseits unserer Entscheidungen.
Auch jenseits unserer Scham.
Wir sind Staub – und doch beseelt.
Begrenzt – und doch frei.
Verantwortlich – und doch getragen.
Farina Dierker