Not lehrt nicht beten

betende Hände in der Dunkelheit
Bild: Bistum Osnabrück

Vor einiger Zeit wurde ich auf eine Studie von Gereon Heuft aufmerksam: „Not lehrt (nicht) beten“. Welche Bedeutung hat eigentlich der Inhalt des alten Sprichwortes „Not lehrt beten“ für die Bewältigung von Lebenskrisen? Hält die Religion über die Not vielleicht wieder Einzug in den Alltag des modernen Menschen?

Heuft stellt fest: Körperliches oder/und spirituelles Leiden führt offensichtlich zu keiner erkennbar intensiveren oder gemeinschaftlichen religiösen Haltung oder Praxis. Was nicht schon vor der Krankheitsphase an aktiver religiöser Einstellung verfügbar war, ist auch in einer Krankheitsphase an innerer Einstellung oder religiöser Praxis kaum zu (re-)aktivieren. … Gesundheitliche Not macht also nicht gläubiger und lehrt auch nicht beten, kann aber das Fragen und Suchen nach (was auch immer) verstärken (vgl. S. 227). Was die Studie besagt, kann ich aus vielen Gesprächen in den vergangenen Jahren bestätigen. Not lehrt heute nicht beten, vielleicht aber suchen und fragen.

Über den Autor

Theo Paul ist Generalvikar und damit Stellvertreter des Bischofs und Leiter der Verwaltung des Bistums. In seinen Blogbeiträgen greift er gerne aktuelle Themen auf.

Für mich ist eine Anregung von Jesuitenpater Willi Lambert hilfreich geworden: Nicht die Not lehrt beten, sondern das Beten lehrt die Not. Hier geht es um unser Gottesbild. Gott tritt nicht aus einer Sonderwelt in unsere Grenzsituation. Er ist in meinem Klagen, Weinen, Lachen, Fluchen, Hoffen, Warten, meiner Resignation, Zuversicht, meinem Bitten, Suchen, Zweifeln gegenwärtig. Wir können Gott in Klagen, Fluchen, Jubeln und Hoffen ansprechen. Unsere Erfahrungen vom Leid und Zuversicht gehen nicht ins Leere, sondern sie sind von einem Gegenüber, einem Du, umfangen. Manche Menschen haben die Beziehung zum Gebet verloren, weil ihnen Klagen und Fluchen im Gebet nicht erlaubt waren. Dabei sind selbst die Psalmen der Bibel voll davon.

Gebet kann das eigene Lebensnetz verstärken. Auch in medizinischen und therapeutischen Angeboten zeigt sich das Wirken Gottes. Er ist eine Lebenswirklichkeit und er will mit mir im Gebet in Beziehung treten.

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