Offenes Ende

Mann vor einer Tür

Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Lukas 15, 31-32 (Evangelium vom Sonntag: Lukas 15,1-3.11-32)

Mehr und mehr bewegt mich im sogenannten „Gleichnis vom verlorenen Sohn“, dieser offene Schluss. Wird der ältere, tugendhafte Bruder am Ende doch noch mit dem Vater die Freude über den zurückgekehrten Sohn feiern? Wir erfahren dazu nichts. Open end!

Der jüngere der beiden im Gleichnis beschriebenen Brüder, so erzählt Jesus den Pharisäern und Schriftgelehrten, hat sein Erbe mit einem zügellosen Leben durchgebracht; aber dann heißt es: Er geht in sich; er geht den Weg der Umkehr zum Vater. Und der hat Mitleid, er kommt dem verloren geglaubten Sohn entgegen, fällt ihm um den Hals und richtet ein Fest der Freude aus.

Aber dann: Der zweite, ältere Sohn; er kommt vom Feld, also von der Arbeit, er sieht und hört Musik und Tanz. Als er erfährt, wem die Feier gilt, wird er zornig. Er weigert sich, ins Festzelt zu gehen; er sagt dem Vater voller Enttäuschung: So viele Jahre schon diene ich dir, halte mich an alle Gebote, doch mir hast du nicht einmal einen Ziegenbock geschenkt, um mit meinen Freunden zu feiern. Dann folgen die oben stehenden Zeilen als offener Schluss der Erzählung. Wie geht es aus? Es ist wie im Epilog des Stücks von Bertholt Brecht „Der gute Mensch von Sezuan“. Da heißt es: „Wir wissen wohl, das ist kein rechter Schluss. (…) Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen: Der Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Was könnte die Lösung sein? Wie das Theaterstück mündet das Gleichnis in die Lebenswirklichkeit der Hörer. Das offene Ende fordert heraus zum eigenen Nach- und Weiterdenken. Dom Helder Camara, der vor zwanzig Jahren verstorbene brasilianische Erzbischof von Olinda und Recife, hat das getan. Er schreibt: „Ich bete unaufhörlich für die Bekehrung des Bruders des verlorenen Sohnes. Immer klingt mir im Ohr die schreckliche Mahnung: Der Erste ist aufgewacht aus der Sünde. Der Zweite – wann wird er aufwachen aus seiner Tugend?“ (Aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981)

Gerrit Schulte, Diakon