Standhaftigkeit in einer Welt der Extreme
In jener Zeit, als einige darüber sprachen, dass der Tempel mit schön bearbeiteten Steinen und Weihegeschenken geschmückt sei, sagte Jesus: Es werden Tage kommen, an denen von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleibt, der nicht niedergerissen wird. Sie fragten ihn: Meister, wann wird das geschehen und was ist das Zeichen, dass dies geschehen soll? Er antwortete: Gebt Acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es! und: Die Zeit ist da. Lauft ihnen nicht nach! Wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört, lasst euch nicht erschrecken! Denn das muss als Erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort. Dann sagte er zu ihnen: Volk wird sich gegen Volk und Reich gegen Reich erheben. Es wird gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte geben; schreckliche Dinge werden geschehen und am Himmel wird man gewaltige Zeichen sehen. Aber bevor das alles geschieht, wird man Hand an euch legen und euch verfolgen. Man wird euch den Synagogen und den Gefängnissen ausliefern, vor Könige und Statthalter bringen um meines Namens willen. Dann werdet ihr Zeugnis ablegen können. Nehmt euch also zu Herzen, nicht schon im Voraus für eure Verteidigung zu sorgen; denn ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben, sodass alle eure Gegner nicht dagegen ankommen und nichts dagegen sagen können. Sogar eure Eltern und Geschwister, eure Verwandten und Freunde werden euch ausliefern und manche von euch wird man töten. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden. Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.
Lukas 21,5-19
Scharf wie Scherben schneiden die Bilder der Weltlage in meine Seele: Die Zerstörung von Gaza, Boote der Global Sumud Flotilla, die unendlichen Kämpfe in der Ukraine. In den USA protestierten Tausende gegen Trump – während er, zynisch wie nie, KI-generierte Videos veröffentlicht, die ihn als triumphierenden Herrscher über Protestierende zeigen. Überall auf der Welt: Polarisierung, die wie ein Messer die Gesellschaften durchschneidet.

Ist dies nicht eine Erfüllung der Worte Jesu? Jedes Jahr scheinen wir Zeichen zu sehen, die an seine Prophezeiung einer „Endzeit“ erinnern – Momente, in denen die Menschheit am Abgrund zu stehen scheint.
Hier kommentieren jede Woche Menschen aus dem Bistum Osnabrück eine Bibelstelle aus einer der aktuellen Sonntagslesungen – pointiert, modern und vor allem ganz persönlich.
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In Jesu Rede sind zwei winzige Worte von enormer Bedeutung: „aber“ und „doch“. Sie sind wie Leuchtfeuer in der Dunkelheit. Mit dem „aber“ lenkt Jesus unsere Aufmerksamkeit auf eine tiefere Wahrheit: Vor dem Ende steht die Bewährung. Jüngerinnen und Jünger werden Verfolgung, Auslieferung, Hass und Tod erleben – und genau darin liegt ihre Stärke. Nicht im Triumph, sondern im Zeugnis.
Für uns in der „Ersten Welt“ klingt das zunächst abstrakt. Wir können frei sprechen, ohne um unser Leben zu fürchten. Doch bedeutet Freiheit nicht Gleichgültigkeit, sondern Verantwortung. Die abschließende Verheißung Jesu wird zur rhetorischen Frage: „Kein Haar wird euch gekrümmt werden – wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“ Gilt sie nur für Märtyrer? Nein!
Standhaftigkeit ist heute mehr denn je eine globale Herausforderung. Sie bedeutet, gegen Ungerechtigkeit aufzustehen, Mitgefühl zu zeigen, wo andere wegschauen. Sie bedeutet, die Stimme zu erheben für jene, die keine haben. In einer Welt der Extreme ist Standhaftigkeit keine Schwäche, sondern die stärkste Form der Menschlichkeit.
Was bedeutet Standhaftigkeit für mich heute?
Wo kann ich Zeugnis geben – nicht durch Worte, sondern durch Handlungen?
Wie bleibe ich menschlich in unmenschlichen Situationen?
Roberto Piani