Stille entdecken
Was gefällt dir hier am meisten? Dass es hier so schön still ist, antwortet ein Kind bei einer Führung durch den Osnabrücker Dom. Mir selbst geht es ganz ähnlich. In der Stille hat der Dom die stärkste Ausstrahlung. Ruhige Orte können sehr angenehm und wohltuend sein. Wenn ich mit einem vollen Zug fahren muss, freue ich mich über einen Platz im Ruhebereich. Und umso mehr, wenn dann tatsächlich keine Handys oder lauten Gespräche zu hören sind. Seit einiger Zeit fallen mir Angebote wie „Silent reading“ oder „Silent disco“ und „Silent party“ auf. Ein neuer Trend zu mehr Stille? Dem würde ich mich sofort anschließen.
Klar, es gibt auch eine unangenehme, schwer aushaltbare Stille. In einem schwierigen Gespräch, das verstummt, kann sich die Spannung bis zum Zerreißen steigern. Oder wie mag sich die Stille im Polarwinter für Aurelia Hölzer angefühlt haben? Die Ärztin verbrachte 54 Wochen auf einer Forschungsstation in der Antarktis. Beim Überwintern im Polarmeer war ihr Team über Monate abgetrennt von der Zivilisation. Weder ein Schiff noch ein Flugzeug hätte sie erreichen können. So auf sich allein gestellt zu sein – das stelle ich mir faszinierend, aber auch extrem herausfordernd vor. In ihrem Buch „Polarschimmer“ erzählt sie, wie sich ihr das abgeschiedene Eis als unfassbar schön und lebendig zeigt.
Über die Autorin
Daniela Engelhard ist Leiterin des Forums am Dom in Osnabrück. Bei der Arbeit in dieser Einrichtung der Citypastoral kommt sie mit vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt. Von Erlebnissen und Themen, die sie bewegen, berichtet sie in ihren Blogbeiträgen.
Der Norweger Erling Kagge war ebenso wochenlang unterwegs zum Südpol, allein in einer weißen Wüste ohne jeglichen menschlichen Kontakt. In seinem Buch „Stille“ beschreibt er seinen täglichen Kampf mit der Kälte und den Kilometern. Aber auch, wie er in der grenzenlosen Stille immer aufmerksamer gegenüber der Welt wurde. Je stiller es war, desto mehr konnte er hören. „Allein auf dem Eis, tief in dem großen weißen Nichts, konnte ich die Stille hören und fühlen.“ Es gab keine Möglichkeit, sich zu verstecken, keine Geräusche, die ablenken. Ausgesetzt und konfrontiert mit sich selbst, habe er mit der Stille eine große innere Ruhe und einen tiefen Frieden gefunden. Dafür brauche es aber nicht eine Expedition zum Südpol. Er hätte weit gehen müssen, um herauszufinden, dass man die Stille überall in sich entdecken kann. Heute findet er sie auf dem Weg zum Büro in der Großstadt.

„Wenn alles still ist, geschieht am meisten“. Dieses Wort des Philosphen Søren Kierkegaard gefällt mir. Stille bedeutet nicht Stillstand, vielmehr Lebendigkeit und Aufmerksamkeit. Oft kommen dann die Gedanken erst richtig in Fluss und es entstehen die besten Ideen. Das Wort „Stille“ leuchtet zurzeit an einem Fenster des Forums am Dom in der Nachbarschaft von „Hoffnung, Gemeinschaft, Glauben, Klage, Segen, Hoffnung und Glück“. Das grüne Dreieck lädt ein, Stille zu entdecken. Ob im Dom und seinem schönen Kreuzgang, auf einer Bank in der Stadt, bei einer kurzen Pause an der frischen Luft oder in mir selbst. Wo auch immer – es wird sich ein silent space finden lassen.