Verbunden über die Fremdheit hinaus
Danach brach Jesus auf und zog sich in das Gebiet der Städte Tyrus und Sidon zurück. Dort begegnete ihm eine kanaanitische Frau, die in der Nähe wohnte. Laut flehte sie ihn an: „Herr, du Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Meine Tochter wird von einem bösen Geist furchtbar gequält.“ Aber Jesus gab ihr keine Antwort. Seine Jünger drängten ihn: „Erfüll doch ihre Bitte! Sie schreit sonst dauernd hinter uns her.“ Jesus entgegnete: „Ich habe nur den Auftrag, den Menschen aus dem Volk Israel zu helfen. Sie sind wie Schafe, die ohne ihren Hirten verloren umherirren.“ Die Frau aber kam noch näher, warf sich vor ihm nieder und bettelte: „Herr, hilf mir!“ Jesus antwortete wieder: „Es ist nicht richtig, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden hinzuwerfen.“ „Ja, Herr“, erwiderte die Frau, „und doch bekommen die Hunde die Krümel, die vom Tisch ihrer Herren herunterfallen.“ Da sagte Jesus zu ihr: „Dein Glaube ist groß! Was du willst, soll geschehen.“ Im selben Augenblick wurde ihre Tochter gesund.
Matthäus 15,21-28
Die Begegnung mit Fremdem/Fremden löst meistens zwei gegensätzliche Reaktionen aus: Einerseits kann eine solche Begegnung mir Angst machen, mich verunsichern, weil ich mit eigenen Grenzen des Verstehens konfrontiert werde. Ich habe vielleicht kein Handlungsmuster parat, das mir Sicherheit verleiht, oder bereits schlechte Erfahrungen gemacht. Andererseits kann die Begegnung mit Unbekanntem meine Neugier wecken. Ich bekomme Lust, meine Komfortzone zu verlassen, hoffe darauf, dass ich vielleicht etwas fürs Leben lernen kann.

Hier kommentieren jede Woche Menschen aus dem Bistum Osnabrück eine Bibelstelle aus einer der aktuellen Sonntagslesungen – pointiert, modern und vor allem ganz persönlich.
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Unsere Neugier ist seit jeher der Motor für Entwicklung. Wo wären wir wohl, wenn es nicht immer auch Menschen gegeben hätte, die sich auf das Abenteuer des Unbekannten eingelassen hätten? Nicht hier, wo wir gerade sind – als einzelne, als Gesellschaft, als Nationen, als Glaubensgemeinschaft.
Unser Alphabet ist lateinisch, unsere Zahlen sind arabisch. Unsere Philosophie und unsere Demokratie haben römisch-griechische Wurzeln. Bereits vor den vielen Anglizismen in unserer deutschen Sprache haben wir fremdsprachige Worte wie Toilette, Kaff, Konto, Dirigent, Zucker, Alkohol, Demokratie, Kommunikation, Jaguar, Schund, Pullover usw. in unseren Wortschatz übernommen. Mathematik, Medizin und andere Wissenschaften sind arabisch beeinflusst. Vertraute Kulturpflanzen wie Weintrauben, Kirschen, Pflaumen sind ebenso durch die Römer zu uns gelangt wie Steinbauten, Ziegel und Bodenheizung. Die Papierherstellung hat chinesische Ursprünge. Kulinarische Spezialitäten anderer Länder wie Pasta und Pizza, Döner und Burger, Ratatouille und Crêpes, Currys und Sushi bereichern die deutsche Küche.
Unser christlicher Glaube ist nicht nur in hohem Maße jüdisch verwurzelt, sondern auch durch die griechische Philosophie geprägt, während verschiedene Feste wie Weihnachten und Allerheiligen/Allerseelen sowie bildliche Darstellungen Marias durch die römische bzw. keltische und germanische Religion beeinflusst sind und der weitverbreitete Götterkult in der Heiligenverehrung Eingang fand. Unabhängig von unserer Muttersprache findet unser Glaube hebräisch, griechisch und lateinisch seinen sprachlichen Ausdruck.
Dass Gottes Liebe und Heil alle Grenzen überschreitet, ist ein Lernprozess, der im Neuen Testament festgehalten ist. Das Evangelium des heutigen Sonntags gibt Zeugnis davon. Gleichzeitig ist diese Überzeugung bereits im Glauben Israels fundamental angelegt, da Gott als Schöpfer der Welt und damit aller Menschen erkannt und bezeugt wird. Dadurch sind wir mit allen Menschen verbunden – über alle Fremdheit hinaus.
Nicht nur Worte, Pflanzen, Erkenntnisse und Erfindungen, Nahrungsmittel und Gerichte sind Schätze aus anderen Kulturen und Nationen. Auch jeder Mensch ist als Geschöpf Gottes ein Schatz, dem ich mich öffnen und der mich bereichern kann. Ja, den Schatz in anderen, insbesondere vielleicht in Fremden zu entdecken, kann eine riesige Herausforderung und sogar manchmal unmöglich sein. Sich deswegen nicht auf das Wagnis, sich Unbekanntem gegenüber zu öffnen, einzulassen, kann allerdings nicht die Lösung sein. So zumindest lese ich nicht nur den heutigen Abschnitt aus dem Matthäusevangelium, sondern so verstehe ich die biblische Grundbotschaft. Für mich ist sie stetige Ermutigung, nach vorne zu schauen, Neues zu lernen, mich Herausforderungen zu stellen.
Inga Schmitt