Wer hat, der hat

Bild: photocase.de, morgenroethe

„Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der auf Reisen ging. Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab. (…) Nach langer Zeit kehrte der Herr jener Diener zurück und hielt Abrechnung mit ihnen. Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du tüchtiger und treuer Diener. Über Weniges warst du treu, über Vieles werde ich dich setzen. Komm, nimm teil am Freudenfest deines Herrn! (…) Es kam aber auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mensch bist (…), weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Sieh her, hier hast du das Deine. Sein Herr antwortete und sprach zu ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. Du hättest mein Geld auf die Bank bringen müssen, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten. Nehmt ihm also das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben werden und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“

Matthäus 25, 14-15.19-21.24a-29 Neue Einheitsübersetzung

 

„Du hättest mein Geld auf die Bank bringen müssen, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten.“ So beschimpft der Reiche im Gleichnis von den anvertrauten Talenten Silbergeld seinen ängstlichen Diener. Mit dem Gang zur Bank hätte der aber – zumindest in heutiger Zeit – schon wieder etwas falsch gemacht: Am Ende wären wegen der Null-Zins-Politik der Europäischen Zentralbank auch noch Negativzinsen für die Einlage fällig geworden. Da kann er das Geld besser in der Erde verstecken. Oder investieren. Das haben jedenfalls der Geldgeber aus dem Evangelium und Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank, gemeinsam. Sie wollen zum Tun anregen, wollen den Menschen Beine machen – der eine für das himmlische, der andere für das irdische Reich.

Es ist erstaunlich, wie oft Jesus Beispiele aus der Arbeits- und Wirtschaftswelt seiner Zuhörer wählt. Hier ist es der finanziell Mächtige, dessen Diener angehalten werden, sein Vermögen in der Zeit seiner Abwesenheit zu mehren. Kapitalismus pur. Jesus wusste seine Zuhörer zu fesseln. Es geht nicht um Kleingeld, sondern um riesige Summen. Ein Talent Silbergeld entsprach 6000 Denaren; ein Denar war der Tageslohn eines Arbeiters. Mit ungläubigem Staunen werden sie da gelauscht haben.

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Nicht jeder erhält im Evangelium die gleiche Menge an Talenten. Jedem wird vielmehr nach seinen Fähigkeiten gegeben. Im Originaltext heißt es noch klarer: „Jedem nach seiner eigenen Kraft.“ Das Gleichnis wird so zur Einladung, am Reich Gottes mitzuwirken, auf Erden schon – bis der Herr wiederkommt: Jeder nach seiner Begabung. Niemand wird über seine Kraft hinaus gefordert. Aber Keiner, so heißt es auch, soll aus Angst, er könne nicht genügen, seine Talente vergraben. Nicht das Scheitern ist das Problem, sondern es nicht versucht zu haben.

Heute würde Jesus wohl ebenso in Gleichnissen aus dem Alltag sprechen: von den Superreichen und ihren Anstrengungen, noch reicher zu werden durch Steuerflucht und Steuervermeidung. Auch sie geben ihr Geld den Knechten der Gier, um es zu vermehren – Stichwort „Paradise Papers“. „Wer hat, dem wird gegeben …“

Oder Jesus würde von den jüngsten Meldungen der Welternährungsorganisation sprechen, wonach die Zahl der Hungernden in der Welt wieder drastisch angestiegen ist. Parallel zum Anstieg des Reichtums: „Das ist Hunger im Paradies“ sagt ein leitender Mann der Vereinten Nationen. „Wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat …“ Paradise Papers und Hunger im Paradies – der Habenichts hier und unverschämter Reichtum dort.

Wenn all diese Themen die Kirche nichts angingen, wie manche sagen, hätte Jesus dann immer wieder diese Erzählungen und Gleichnisse aus der Arbeits- und Wirtschaftswelt gewählt? Sein Evangelium lädt die Kirche und alle Menschen guten Willens ein, in dieser Welt schon am Reich Gottes mitzuwirken, heute, in Wort und Tat, jeder nach seiner eigenen Kraft. Nicht das Scheitern wäre das Problem, sondern es nicht versucht zu haben.

Gerrit Schulte, Diakon