Worauf schaust du?
Nachdem Jesus die Menge gespeist hatte, drängte er die Jünger, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um für sich allein zu beten. Als es Abend wurde, war er allein dort. Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache kam er zu ihnen; er ging auf dem See. Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst. Doch sogleich sprach Jesus zu ihnen und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Petrus erwiderte ihm und sagte: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme! Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und kam über das Wasser zu Jesus. Als er aber den heftigen Wind bemerkte, bekam er Angst. Und als er begann unterzugehen, schrie er: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du.
Matthäus 14,22-33
Es gibt Bilder, die wir nie vergessen. Eines davon schenkt uns das oben stehende Evangelium: Ein kleines Boot kämpft gegen Wind und Wellen. Die Jünger haben Angst. Mitten in der Nacht kommt Jesus ihnen entgegen. Petrus wagt auf Jesu Wort hin den Schritt aus dem Boot. Solange sein Blick auf Jesus gerichtet bleibt, trägt ihn das Wasser. Doch als er auf den Sturm schaut, beginnt er zu sinken.
Diese Geschichte erzählt nicht nur von einem Wunder. Sie erzählt von unserem Leben. Denn jeder Mensch kennt Stürme. Zeiten, in denen der Boden unter den Füßen zu schwinden scheint. Gerade dann stellt Jesus jedem von uns eine Frage: „Worauf richtest du deinen Blick?“

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Im Sommer 2021 verwüstete eine Flutkatastrophe das Ahrtal. Häuser wurden zerstört, Brücken weggerissen, Menschen verloren ihre Angehörigen und ihr Zuhause. Innerhalb weniger Stunden änderte sich das Leben unzähliger Familien.
Diese Bilder haben viele erschüttert. Sie erinnern uns daran, wie zerbrechlich unser Leben ist. Nicht jeder erlebt eine Naturkatastrophe. Aber jeder kennt seine eigenen Wellen. Vielleicht ist es eine schwere Krankheit. Der Verlust eines geliebten Menschen. Das Zerbrechen einer Beziehung. Einsamkeit. Finanzielle Sorgen. Die Unsicherheit angesichts von Krieg, Gewalt oder gesellschaftlichen Spannungen. Auch unsere Kirche erlebt bewegte Zeiten. Viele fragen sich, wie ihre Zukunft aussehen wird. Die Wellen sind real.
Jesus sagt den Jüngern nicht: „Der Sturm ist gar nicht so schlimm.“ Nein. Der Wind bläst tatsächlich. Die Angst ist berechtigt. Christlicher Glaube bedeutet deshalb nicht, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen. Er bedeutet vielmehr, die Wirklichkeit gemeinsam mit Christus anzuschauen. Gott verspricht uns kein Leben ohne Stürme. Aber er verspricht uns, dass wir keinen Sturm allein bestehen müssen.
Der entscheidende Moment des Evangeliums geschieht nicht auf dem Wasser, sondern im Herzen des Petrus. Solange sein Blick auf Jesus gerichtet bleibt, trägt ihn das Wasser. Erst als sein Blick an den Wellen hängen bleibt, beginnt er zu sinken.
Vielleicht kennen wir das. Viele von uns beginnen den Tag mit einem Blick auf das Smartphone. Nachrichten berichten von Krieg, Krisen und Katastrophen. In den sozialen Medien begegnen uns Konflikte, Vergleiche und schlechte Nachrichten. Unser Blick wird ständig auf das gelenkt, was Angst macht. Natürlich dürfen wir die Wirklichkeit nicht verdrängen. Christlicher Glaube ist keine Flucht vor der Welt. Aber wir dürfen entscheiden, welcher Blick unser Herz bestimmt. Die Probleme verschwinden dadurch nicht. Aber sie verlieren ihre Macht, uns ganz zu beherrschen.
Wer auf Christus schaut, entdeckt Hoffnung, wo andere nur Resignation sehen. Er findet Frieden mitten im Lärm und Orientierung in einer verwirrenden Zeit. Vielleicht beginnt das ganz einfach. Mit einem kurzen Gebet am Morgen. Mit einem Vers aus der Heiligen Schrift. Mit einigen Minuten Stille. Mit einem bewussten Blick auf Christus, bevor wir auf unser Handy schauen. Nicht der Sturm soll unseren Tag eröffnen, sondern Christus.
Der schönste Moment des Evangeliums ist vielleicht gar nicht, dass Petrus auf dem Wasser geht. Der schönste Moment ist, dass Jesus ihn nicht fallen lässt. Als Petrus zu sinken beginnt, streckt Jesus ihm sofort die Hand entgegen. Dieses Bild erinnert an die 33 Bergleute in Chile. Im Jahr 2010 waren sie nach einem Grubenunglück fast 700 Meter unter der Erde eingeschlossen. Tagelang wusste niemand, ob sie noch lebten. Erst nach siebzehn Tagen erreichte eine kleine Sonde den Hohlraum. Daran befestigten die Bergleute einen kurzen Zettel: „Uns 33 im Schutzraum geht es gut.“ Von diesem Augenblick an wussten sie: Wir sind nicht vergessen. Diese Gewissheit veränderte ihre Situation nicht sofort. Aber sie veränderte ihre Hoffnung. Es dauerte noch viele Wochen, bis alle gerettet wurden. Doch die Hoffnung war zurück. Nach 69 Tagen wurde jeder einzelne Bergmann lebend ans Tageslicht gebracht.
Auch Petrus erlebt genau das. Er sinkt. Er schreit. Und Jesus greift nach ihm. Das ist das Herz unseres Glaubens. Nicht, dass wir niemals untergehen könnten. Sondern dass Christus uns nicht loslässt. Seine ausgestreckte Hand begegnet uns oft ganz unscheinbar: in einem Menschen, der zuhört. In einer Umarmung. In einem Wort der Heiligen Schrift. In der Eucharistie. Im Sakrament der Versöhnung. In einem Menschen, der uns Hoffnung schenkt, wenn wir selbst keine mehr haben.
Am Ende steigt Jesus mit Petrus ins Boot. Der Sturm legt sich. Nicht immer beruhigt Christus sofort die äußeren Wellen unseres Lebens. Aber seine Gegenwart verändert unser Herz. Aus Angst wächst Vertrauen. Aus Verzweiflung Hoffnung. Aus Unsicherheit neuer Mut. Unsere Welt wird auch morgen ihre Stürme kennen. Auch unsere Kirche wird Herausforderungen erleben. Auch unser persönliches Leben wird nicht frei von Wellen sein. Doch jeden Tag dürfen wir neu entscheiden, wohin wir schauen. Auf den Sturm? Oder auf Christus?
Denn die Wellen mögen hoch sein – Christus ist größer. Der Sturm mag laut sein – sein Wort schenkt Frieden. Unsere Kräfte mögen begrenzt sein – seine Hand trägt. Darum gilt die Einladung des heutigen Evangeliums jedem von uns: Halte den Blick auf Christus – wenn die Wellen hochschlagen.
Nijil Chiramal ofm