Das Labyrinth von Chatres

Labyrinth von Chatres
Bild: wikimedia.org, C.garciadelucas

Ich war vor einigen Wochen in Chartres in Frankreich. Ein Ziel meines Besuches war es, das berühmte, aus dem 13. Jahrhundert stammende Labyrinth in der dortigen Kathedrale nicht nur zu betrachten, sondern zu begehen. Erwartungsfroh suchte ich es auszumachen in den schwarzen und grauen Steinplatten, die in den Fußboden eingearbeitet sind. Doch dann musste ich erkennen: Das Labyrinth ist mit Stühlen zugestellt. Heute kann ich nicht gehen. Ich muss an einem Freitag wiederkommen, dann ist die Bestuhlung weggeräumt.

In mir stieg Enttäuschung auf: Jetzt bin ich schon mal hier und kann den Pilgerweg nicht gehen. Warum wird dieses Labyrinth mit Stühlen verdeckt? Warum wird diese besondere Chance für die Seele nicht ständig nutzbar gehalten? Eine ganze Reihe von unterschiedlichen Antworten meldete sich in mir.

Ich setzte mich auf einen der Stühle und beobachtete die vielen Besucher, die das Geheimnis der Kathedrale kennenlernen wollten. 261,5 Meter lang ist die Labyrinthstrecke. Vor einigen Wochen bin ich den Labyrinthweg im Garten von Kloster Frenswegen gegangen. Jetzt hatte ich an diesem historischen Ort das Original begehen wollen.

Nach einiger Zeit kam mir der Gedanke: Vielleicht ist das mit Stühlen verstellte Labyrinth ein Ausdruck für meine Lebenssituation. Ich stehe – sitze – zwischen vielen Stühlen. Erkenne ich noch meine eigene Lebensspur? Verliere ich mich in den vielen Fragestellungen?

Das Besondere am Labyrinth von Chartres ist die Christianisierung des Labyrinthverständnisses. Ein ehemals heidnisches Symbol wird auf Christus übertragen, der von sich sagt, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (Joh 14,6).

Über den Autor

Theo Paul ist Generalvikar und damit Stellvertreter des Bischofs und Leiter der Verwaltung des Bistums. In seinen Blogbeiträgen greift er gerne aktuelle Themen auf.

Stunden habe ich in der Kathedrale verbracht. An diesem Ort kommt man mit dem Geheimnis des eigenen Lebens und unseres Glaubens in Berührung. Im Laufe des Schweigens und Verweilens habe ich auch einige „Stühle“ in meinem Leben aus dem Weg geräumt. Der Spur meines Lebenslabyrinths ist mir klarer geworden.

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