Besuch von Jesus

Sonnenstrahlen scheinen durch ein großes, buntes Fenster in Kreuzform
Bild: www.fotolia.de/alswart

Am Montag habe ich im Rahmen der Visitation das Krankenhaus in Bramsche bei Osnabrück besucht, eine Einrichtung im Verbund der Niels-Stensen-Kliniken. Das Krankenhaus hat verschiedene Abteilungen: Innere Medizin (einschließlich Intensivmedizin), Psychiatrie und Psychosomatische Medizin sowie Traditionelle Chinesische Medizin.

Dort habe ich dann mit Patientinnen und Patienten sowie Mitarbeitenden an einer „Atempause“ teilgenommen, die die Seelsorgerin Helga Rolfes regelmäßig anbietet. Sie erzählte in diesem Rahmen eine Geschichte vom alten Jim. Sie ist mir in groben Zügen in Erinnerung geblieben:

Jim war ein alter, recht ärmlich wirkender Mann, der zu einer christlichen Gemeinde in Kenia gehörte. Der Pfarrer wunderte sich, dass Jim täglich um 12 Uhr am Mittag die Kirche betrat, aber bereits nach kurzer Zeit wieder herauskam. Auf die Frage, was er denn genau in dieser Zeit tue, antwortete Jim dem Pfarrer: „Ich gehe hinein um zu beten!“ Da wunderte sich der Pfarrer doch etwas und hielt Jim auch vor, dass ein so kurzer Aufenthalt in der Kirche wohl kaum für ein wirkliches Gebet ausreiche. Doch Jim ließ sich nicht beirren und antwortete voller Überzeugung: „Zwar kann ich kein langes Gebet sprechen, aber ich sage einfach jeden Tag um 12 Uhr in der Kirche: ‚Jesus, hier ist Jim.‘ In der folgenden Minute des Wartens spüre ich, dass er mich hört.“

Nun musste Jim irgendwann einmal mit einer langwierigen Verletzung ins Krankenhaus der Stadt eingeliefert werden. Schon bald konnte das Personal feststellen, dass er auf die anderen Patienten einen sehr guten, beruhigenden Einfluss ausübte: So mancher, der ständig meckerte, weil ihm dieses oder jenes nicht passte, wurde zufriedener; Menschen mit Angst fanden zu neuer Zuversicht; Traurige konnten auch einmal wieder lachen. Ja: Vor allem wurde viel gelacht in Jims Umgebung.

Als ihn die zuständige Stationsschwester fragte, warum er so glücklich wirke und das auf andere ausstrahle, sagte Jim: „Dafür kann ich selber gar Nichts. Das kommt nur durch meinen Besucher.“ Doch einen Besucher hatte die Schwester noch nie bei ihm gesehen und hakte deshalb nach: „Wen meinst du? Wann kommt denn dein Besucher immer?“ „Der kommt täglich, immer um 12 Uhr“, so Jim: „Er kommt ins Zimmer, er tritt ans Bett und sagt: ‚Jim, hier ist Jesus!'“

Über den Autor

Johannes Wübbe ist Weihbischof in unserem Bistum. Auf wen er in seinem Alltag trifft und was ihn bewegt – wir werden das in seinen Blogbeiträgen verfolgen.

Das Faszinierende für mich – wie vielleicht auch die übrigen Menschen, die sich die „Atempause“ gegönnt haben, war, dass hierbei die konkrete Situation, in der wir waren, gleichsam mit der erzählten Wirklichkeit verschmolzen ist. Ich habe für mich entschieden, wenigstens zu versuchen, es immer mal wieder mit Jim zu halten: mich von Jesus in kurzen Momenten der Stille besuchen zu lassen und dadurch meine unmittelbare Umgebung ein kleines bisschen zum Guten zu verändern.

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