Das Bett ist gemacht!

Bett
Bild: unsplash.com, deconovo

In einer Predigtreihe im Advent geht es in der Kirche St. Johann Osnabrück um das Thema Krippe. Hier finden Sie die Predigt zum 2. Advent von Bruder Andreas Brands:

„Das Bett ist gemacht.“ – Was für ein schöner Satz, wenn man zu Besuch kommt und so begrüßt wird … Alles ist vorbereitet, die neue Bettwäsche aufgezogen, es duftet frisch und liebevoll ist die Schlafstätte bereitet. Das Bett ist gemacht. Ganz anders ist es in der Heiligen Nacht …  Es ist Heilige Nacht im Jahr 1223. Das Bett für unseren Gott ist bereitet, aber es ist keine heimeliger Schlafplatz im Stall, in den Toren Betlehems.

Was ist geschehen?

Schauen wir zurück in die damalige Zeit, als die Krippe sozusagen das Licht der Welt erblickte.

Für Franziskus und seine noch junge Bewegung – der Orden ist rasant gewachsen – alle wollten eine geschriebene Regel – alle suchten Orientierung in diesem bunten Miteinander von Männern aus aller Herren Länder – waren es Schwellenjahre. Jahre des Übergangs. Franziskus war unsicher geworden. War das noch sein Weg? Der Traum von einem Leben in der Christusnachfolge?

Bei Thomas von Celano lesen wir es so: Franziskus und Klara hatten beiden eine besondere Nähe zum Fest der Menschwerdung. In neuer Radikalität wurden ihnen und den jungen Gemeinschaften bewusst, wie klein der große Gott sich für uns Menschen gemacht hat. Buchstäblich unter die Leute wollten sie bringen, was uns Lukas berichtet hat. In Kirchen wurde es aufwändig gefeiert, aber für alle Armen und Bauernfamilien auf dem Lande blieb es ohne Berührung. Sie wollten es mit allen Sinnen inszenieren. Erzählungen gab es genug, ja, aber … die Geburt Jesu wird auf bewegende Art und Weise neu vor Augen gebracht. Franziskus hat die kalte Adventszeit 1223 mit einigen Brüdern in der Einsiedelei Fonte Colombo verbracht, wo er auch die Regel geschrieben hat,  Franziskus hat die Worte des Weihnachtsevangeliums beständig meditiert. Vor allem Gottes Erdnähe und seine Menschwerdung hat er sich tief in Erinnerung eingeprägt.

Das Staunen über den Weg Gottes auf Erden bewegte Franziskus zwei Wochen vor Weihnachten. Er wollte den Brüdern und dem einfachen Volk auf dem Land die grenzenlose Liebe Gottes sinnlich in Erinnerung rufen: grenzenlos in seinem Absteigen unter uns Menschen und in irdische Nächte und Nöte. Um Gotte Geburt am Weg zu feiern, suchte er den Ort Greccio im Rietital aus, fast einer Felsenhöhle gleich, ein kleines Hügeldorf, nicht heimelig, eher abweisend und kalt.  Dorthin rief Franziskus die Einheimischen und auch alle Brüder aus dem Tal. Sie kamen in der Heiligen Nacht mit Fackeln herbei und fanden in der Höhle eine Futterkrippe mit Heu zwischen einem lebendigen Ochsen und einem Esel.  Der Ochse stand damals als Symbol für Israel, das erste Gottesvolk, und der Esel für alle anderen Völker: der Weihnachtsfriede sollte für alle Menschen auf Erden erfahrbar werden – an der Krippe.  Gott kommt zu allen Menschen, gewaltlos und als Friedensstifter.

1223 – Menschen kamen dazu, um dieses unfassliche Ereignis neu sehen zu lernen: Gott wird einer von uns, teilt unser Menschenlos – bis zum Tod – schenkt neue Hoffnung durch seine Auferstehung. Aber zunächst wird er ein Mensch wie Du und ich – mit allem ausgestattet, was zum Leben dazugehört: Familie – Kindheit – Jugendzeit – Beruf – um sich dann seiner Sendung bewusst zu werden.

Die Krippe wird damit zur einfachen und unglaublichen Nachricht:  Gott will Mensch werden, um uns nahe zu sein … Und diese Botschaft ist aktuell geblieben – über 800 Jahre danach Sie bewegt uns bis heute – Viele kommen in Kirche, um Krippen anzuschauen – viele bauen Krippe auf.

Warum ist das so??

Gott wird Mensch – das rührt etwas an – und für mich ist die Erklärung dafür: Menschen bekommen etwas Göttliches ab, und dieses Motiv hat gehalten. In Jesaja haben wir dazu gerade, wie ich finde, einen entscheidenden Satz gehört:

Denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und hast uns zergehen lassen in der Gewalt unserer Schuld.
Doch nun, HERR, du bist unser Vater.
Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer,
wir alle sind das Werk deiner Hände. 

Das Bett ist gemacht für unseren Gott – es ist kein Bett, das wärmt, in das man sich einkuschelt, es ist ein Armutszeichen. Gott sucht kein warmes Nest, kein wärmendes Bett, er lässt sich ein auf die bitterste Wirklichkeit, das Stroh, den Geruch, den Stallgeruch, er lässt sich ein auf Erde und Schlamm. Als Mensch erfährt er keine Bevorzugung, Gott hin oder her. Als Mensch erfährt er Randständigkeit, Ausgrenzung, Armut, Nacktheit, Preisgabe, ausgeliefert sein.

Das Bett ist gemacht – aber es ist nicht warm und nicht kuschelig – wie damals. Das Bett ist gemacht – aber das Kind liegt noch nicht darin. Leere zeigt sich im gemachten Bett, im gemachten Nest, in der vorbereiteten Krippe: und die leere Krippe, die uns Franziskus so sinnenfällig vor Augen stellt, zeigt uns unsere Notwendigkeit nach Fülle. Nur wo Leere ist, kann sich etwas füllen. Nur in einen leeren Krug kann ich frisches Wasser füllen. Nur in ein leeres Herz kann Gottes Liebe fallen. Nur in leere Augen, die noch offen sind für ein Geheimnis, kann das Angesicht eines Menschen hineinfallen. Und das erleben wir immer dann, wenn uns ein neu Geborenes Menschenkind in die Arme gelegt wird. Nur in leere Hände kann Gott sich verschenken, als Kind oder als Stück Brot, er selbst. Aus der Mystik, einer spirituellen Richtung des Mittelalters, wissen wir: nur der leere Kanal kann sich mit Wasser füllen und weitergeben, was in ihn selbst hineingelegt wurde.  Fülle erfahren … was voll ist, wird nicht voller. Das Leere macht den Mangel sichtbar, und zeigt uns, dass wir vom Geschenk her denken lernen:

Gott schauen – Wachsam sein – Von der Hoffnung leben

Gott bekommt Hand und Fuß, ein Antlitz, ein Angesicht – unverwechselbar, wie jedes Menschengesicht … einmalig … Das Kind wird der Fingerabdruck Gottes in dieser Welt … In unseren Krippen finden sich schöne Landschaften, Wärme, schöne Gewänder, es ist kuschelig, eingefrorene Szenen.

Aber es fehlt: die Einfachheit, die Nüchternheit, das Elend. Wer kann es aushalten, dass Gott im Elend geboren ist? Die Idylle täuscht. Zutiefst spüren wir, dass Gott nur so hat auf diese Erde kommen können: unbehaust und unterwegs – am Rande.

Jedes Jahr wird die Krippe wieder aufgebaut. Aus Tradition? Ja! Aus Nostalgie? Ja! Aus Überzeugung? Ja! Weil hinter der Momentaufnahme deutlich wird, dass etwas Größeres geschieht: Gott wird Mensch.

Das Bett ist gemacht. Wer darin Platz finden wird, zeigt sich in der Heiligen Nacht.