Dem Tod im Leben begegnen
Der Tod gehört zum Leben. So schlicht dieser Satz klingt, so schwer fällt es vielen Menschen, ihn wirklich anzunehmen. In der modernen Gesellschaft ist das Lebensende oft weit weggerückt – in Krankenhäuser, Hospize und Pflegeeinrichtungen. Über Tod und Sterben wird selten gesprochen und doch betrifft es alle. Sich schon zu Lebzeiten mit dem eigenen Ende zu beschäftigen, ist nicht nur ein Weg des Glaubens sondern auch Teil des Lebens selbst.
Schon im Mittelalter wussten christliche Menschen um diese Verbindung. Eva Gutschner, Referentin für digitale Glaubenskommunikation im Bistum Osnabrück, hat ihre Diplomarbeit zum Thema „Ars moriendi. Kunst des Lebens und Sterbens im Wandel der Zeit“ geschrieben. Sie sagt: “ Wer den Tod nicht verdrängt, sondern ihn als Teil seines Lebens annimmt, kann bewusster, dankbarer und versöhnter leben. Die Frage nach dem Ende hilft, Prioritäten zu klären – was wirklich zählt, wer mir wichtig ist, wofür ich leben will.“
Weitere Infos
- Angebote für Trauernde gibt es hier.
- Wie kann ich Trauernden zur Seite stehen? Tipps für den Alltag gibt es hier im Interview auf der Internetseite des Kirchenboten.
- Hier im Flyer „Wenn Kinder trauern“ gibt es kompakte Antworten auf schwierige Fragen.
- Die aktuelle Handreichung zur christlichen Patientenvorsorge finden Sie hier.
- Hier gibt es weitere Artikel rund ums Thema Tod und Sterben.
Hinweise darauf finden sich auch in der Bibel. So steht beispielsweise in den Psalmen, dass dieses Thema keinesfalls verdrängt werden sollte, sondern Menschen ihm bewusst begegnen und sich damit beschäftigen sollen: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“ (Psalm 90,12).
Viele Menschen verspüren Angst, wenn sie über den Tod nachdenken. Auch Jesus litt beispielsweise unter Todesängsten, als er im Garten von Gethsemane auf seine Gefangennahme wartete (vgl. Matthäus 26,36-39). „Diese Angst ist zutiefst menschlich“, weiß Eva Gutschner. Sie selbst habe aber keine grundsätzliche Angst vor dem Tod, das läge vor allem an ihrem Glauben. Der christliche Glaube nehme diese Angst ernst, denn Glaube bedeute nicht, keine Angst zu haben – sondern, ihr mit Hoffnung zu begegnen. „Ich glaube an das gute Leben, an eine Zukunft, und für mich ist der Tod eine Befreiung, ein Gedanke an ein Paradies, das mir die Last des Lebens nimmt. Diese Hoffnung trägt mich beim Gedanken an das Lebensende“, erklärt Gutschner

Im Laufe der Geschichte wurde der Tod immer weiter aus dem Leben der Menschen verbannt. Wo früher noch Friedhöfe im Zentrum des Alltags lagen, sind sie heute an den Rand des Ortes versetzt worden. Ebenso haben der kulturelle Wandel und die medizinischen Fortschritte ihren Teil dazu beigetragen, dass Ängste wachsen und Tod und Sterben weiter aus dem alltäglichen Umfeld verschwinden. In Film, Serien und auch in Kinderbüchern ist der Tod oft negativ und sogar furchterregend dargestellt. „Dadurch verlernen wir bereits im Kindesalter, über dieses angstbesetzte Thema zu sprechen – und vielleicht letztlich sogar zu Trauern. Dass die Gefühle einen Raum brauchen ist nichts Neues – das kann man lernen“, erklärt Gutschner. „Niemand sagt, dass es einfach ist oder dass Sterben und Tod etwas Positives sind. Aber es gibt auch etwas dazwischen.“
Der Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass er selbst bestimmt und frei ist. Den Tod hingegen kann er nicht bestimmen, er kann zwar herbeigeführt und verzögert werden, aber er lässt sich nicht vollkommen kontrollieren. Was Menschen aber beeinflussen können, ist der Umgang mit Trauer, die Begleitung und Akzeptanz des Todes im Leben. Sich mit dem eigenen Sterben zu beschäftigen, bedeutet nicht, den Tod herbeizuwünschen – sondern das Leben in seiner Ganzheit zu bejahen. Eva Gutschner betont die Relevanz der Auseinandersetzung mit dem Thema zu Lebzeiten: „Auch wenn viele Menschen sich inzwischen zu weit vom Thema entfernt haben, um gelassen und ungezwungen darüber zu sprechen – am Ende stirbt stirbt man nicht daran, dass man übers Sterben redet. Vielleicht wird es dadurch aber etwas leichter.“
Medientipps
- Hier gibt es Tipps für Bücher und Filme für trauernde Kinder.
- Filmtipps: „Coco – Lebendiger als das Leben!“ und „Das Beste kommt zum Schluss“
- Buchtipps: Frank Buskotte/ Martin Splett – Himmel, Hölle, Fegefeuer und Borasio – Über das Sterben
Ein Ort dafür kann das Gespräch mit Familie, Freundinnen und Freunden sein, aber auch die Kirchen schaffen Räume dafür. Hier werden die Trauer selbst sowie das Sterben und der Tod ausdrücklich zum Thema gemacht – sowohl in Trauercafés als auch im Gottesdienst, im Gemeindeleben oder im seelsorglichen Gespräch. „Mir selbst haben gute Bücher zum Thema und auch der eigene Umgang mit persönlichen Verlusten geholfen. Ich hätte zum Beispiel vorher nicht gedacht, wie gut es tut, mit meiner Mutter intensiv über dieses Thema zu sprechen“, erklärt Gutschner. „Mit wem ich darüber gut sprechen kann – das kann übrigens auch Gott selbst in einem Gebet sein – und wie viel Raum ich diesem Thema widmen will, das muss jede Person selbst entscheiden.“
Wer frühzeitig über praktische Themen wie Vorsorge, Patientenverfügungen, digitalen Nachlass, Beerdigungswünsche oder Organspende spricht, kann Ängste abbauen – und auch die eigenen Angehörigen entlasten. Fakt ist für Gutschner: „Der Tod ist nicht grausam, er ist nicht das Ende, keine Bedrohung, er ist real und gehört zum Leben dazu. Das zu wissen und zu akzeptieren eröffnet eine Chance, um das eigene Leben bewusster und hoffnungsvoller zu gestalten.“
